17.02.2008 – Sascha Westphal im Stadtmagazin www.echo-muenster.de Jenseits aller Hoffnungen und Illusionen – „Onkel Wanja“

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17.02.2008 – Sascha Westphal im Stadtmagazin www.echo-muenster.de
Jenseits aller Hoffnungen und Illusionen – „Onkel Wanja“ im Pumpenhaus

Von der eleganten Melancholie vieler Tschechow-Aufführungen, diesem immer leicht gedämpften Ton existenzieller Verzweiflung, ist in Thorsten Lensings und Jan Heins hochkarätig besetztem „Onkel Wanja“ nichts zu spüren. Auf der Bühne des Pumpenhauses entwickeln diese „Szenen aus dem Landleben“ eine geradezu archaische Wucht.

Die einzigen Hoffnungen, die Tschechows verlorene, zu Veränderungen nicht mehr fähige Figuren geblieben sind, richten sich auf Gott und das Jenseits oder die Menschen in zwei-, dreihundert Jahren. Für ihr eigenes Leben erwarten sie sich nichts mehr, nur noch mehr Leid und Einsamkeit. Wie verloren Wanja, seine Nichte Sonja, der Landarzt Astrow, der emeritierte Kunstprofessor Serebrjakow und dessen junge Frau Elena sind, offenbart schon der erste Blick in den von Hannah Landes gestalteten Bühnenraum. Da ist nichts außer ein paar schäbigen Stühlen, einem scheußlichen Plastiktisch, dem obligatorischen Samowar und einer von der Decke hängenden roten Schaukel. Das wenige Mobiliar verstärkt noch das Gefühl der Leere und Verlassenheit. An einem Ort wie diesem kann man sich nur selbst verlieren, in Alkohol oder Trägheit, Gewalt oder Depressionen.

Jahrelang haben sich Wanja, dem Josef Ostendorf eine ungewöhnliche, nahezu erdrückende Körperlichkeit verleiht, und die von Ursula Renneke verkörperte Sonja mit Arbeit betäubt. Doch seit Sonjas Vater und seine zweite Ehefrau Elena bei ihnen auf dem Gut weilen, hat selbst die Arbeit für Wanja ihren Sinn verloren. Seine Bewunderung für den Professor, der sich in Rik van Uffelens Darstellung als passiv-aggressiver Jammerlappen und Schwätzer entpuppt, ist in Verachtung umgeschlagen. Alleine Elena, die auch von dem Trinker Astrow umschwärmt wird, vergöttert er noch. Doch jedes Mal, wenn er ihr wieder nachstellt, erlebt Wanja nur eine weitere Niederlage.

Die Aggressivität, mit der Ostendorf die zerbrechlich wirkende, innerlich aber vollkommen verhärtete Ursina Lardi bedrängt, hat etwas Erschreckendes. Sie scheint so gar nicht zu seiner sanften, von Enttäuschung und Resignation zeugenden Stimme zu passen. Ein ähnlich Zerrissener ist auch Devid Striesows Astrow. Zu Beginn streift er gleich einem gefangenen Tier über die Bühne, um dann plötzlich wie besessen herum zu springen. Der Idealist und Schwärmer Astrow, ein Tschechow-Charakter par excellence, geht unter in dieser mal nervösen, dann wieder hitzigen Hyperaktivität, stattdessen kommt ein destruktiver Egomane zum Vorschein. Er behauptet, die Welt für künftige Generationen retten zu wollen, aber seine Mitmenschen, besonders die in ihn verliebte Sonja, zerstört er systematisch.

Diese Brüche und Widersprüche verleihen Thorsten Lensings und Jan Heins Konzept eine ungeheure Intensität. So nackt und bloß – und das nicht nur in den Szenen, in denen die Darsteller ihre Hüllen fallen lassen – hat man Tschechows Menschen, diese ausnahmslos kaputten Existenzen, die ihr Leben mit Gewalt verschwenden, bisher nur selten gesehen.

Die Produktion des Theater T1 ist noch am 22., 23. und 24. Februar jeweils um 20:00 Uhr in Münster im Theater im Pumpenhaus zu sehen.

04.02.2008 – VON FRIEDEMANN BIEBER in den Westfälischen Nachrichten Theater-Soap: Immer wieder bröckelt die Fassade

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04.02.2008 – VON FRIEDEMANN BIEBER in den Westfälischen Nachrichten
Theater-Soap: Immer wieder bröckelt die Fassade

Münster. Gut, dass die flippige Helena immer das Positive sieht: „Na, ist doch schön!“ Was auch kommt, ihre Antwort bleibt gleich. Und es kommt eine Menge: Drunter und drüber geht es in ihrer schrägen WG; heftig rumort es in der freakigen Nachbarschaft. Münsters Theater-Soap unter künstlerischer Leitung von Alban Renz und Barbara Kemmler startet in die zweite Staffel – aber wie!

Aufregung im Kreißsaal: Melissa wendet sich in heftigen Wehen, Dr. Viktor Kobald, ein ominöser Halbgott in Weiß, beruhigt: „Vertrauen Sie mir. Das ist meine 43. Geburt!“ Finsternis. Das Pochen der Herzschläge aus dem Off wird langsamer, verstummt. Ein Jahr später. Melissa sitzt auf einem roten Sofa, im Arm ein grünes Bündel. Doch sie hat kein Baby. Frauenarzt Kobald spricht von einer Totgeburt, aber Melissa ist überzeugt: „Mein Kind lebt!“ Unerbittlich ordnet sie die Krankenhausakten – die Seite 43 fehlt.

Immer wieder die verschlagene 43 – mit einer mysteriösen Weissagung um die Zahl endete die erste Staffel. Seitdem hat sich vieles verändert. Neue Charaktere stürmen die Bühne, andere haben die Soap verlassen. Dem Autorenduo Peter Grasemann und Regina Laudage ist der schwierige Übergang geglückt.

Jetzt wird die Gemeinde sogar gläubig. Pater Claudius drillt Besucher in den Kirchenbänken mit Fitnessübungen. Walker G. Major – Jeans, Dreadlocks, Cowboyhut – ist der neue Organist aus Texas mit einer Vorliebe für Countrystyle. Und als wäre das nicht schon genug, platzt jetzt auch noch Bine in den feierlichen Trauergottesdienst. Bine ist die neue Praktikantin in der Gemeinde. Und es wäre keine Soap, würde sie sich nicht in Pater Claudius verlieben. Heimlich notiert sie: „Wenn du ein Berg wärst, wär ich Reinhold Messner!“ Offensiver agiert da die forsche Reporterin Donna, die sich an den schmierigen Dr. Kobald ranschmeißt. Wenn sie ein Geheimnis wittert, lässt sie nicht mehr locker…

Eine Menge Chaos ist also programmiert, denn jedes der 13 Soap-Mitglieder hat seine ganz eigenen Geheimnisse und Ticks. Immer wieder bröckelt die Heile-Welt-Fassade oder fällt gleich ganz in sich zusammen. Feindschaft und Freundsein, Weinen und Lachen, Enttäuschung und Glücksmomente liegen eng beieinander. Doch die Theatersoap ist kein kitschiger Klamauk, sondern eine Mischung aus bissiger Persiflage und waschechter Seifenoper. Spitzfindig karikiert sie die Fernsehsoaps, um sich im nächsten Moment ihrer ureigensten Waffen zu bedienen. Der Spagat glückt. Treffsicher und peppig kommt die erste von fünf Folgen daher und nimmt das Publikum mit: begeisterter Beifall statt Werbepause.

Zum Abschluss des Stücks gibt es stilecht einen fernsehwürdiger Cliffhanger: Ein Autocrash, Visagist Johann schleppt sich blutüberströmt auf die Bühne. In seiner ausgestreckten Hand zittert der Ring, mit dem er Melissa einen Antrag gemacht hat. Im Schock vereint steht die Soap-Community bangend zusammen. Na, ist doch schön! Wiederholungen der ersten Folge: 7., 8., 9., 10.2. im Pumpenhaus. |www.das-soap-ding.de

04.02.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung SOAP II“ : Ist der Arzt der Bösewicht?

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04.02.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
SOAP II“ : Ist der Arzt der Bösewicht?

2007 ging im Theater im Pumpenhaus Münsters erste Theater-Soap zu Ende und ließ eine hochschwangere Melissa zurück, die sich darauf freute, mit ihrem geliebten Johann eine Familie zu gründen.

Wegen des großen Erfolges hatten sich Regisseur Alban Renz und sein Team zu einer Fortsetzung entschlossen, die am Samstag erfolgreich Premiere feierte. Die Handlung setzt ein Jahr später ein. Um es gleich vorwegzunehmen, das mit der Familie hat nicht geklappt. Das Kind kam tot zur Welt.

Das behautet zumindest Frauenarzt Dr. Viktor Kobold, ein etwas schmieriger Typ, der außer einem feschen Schnauzbart und autoerotischer Ohrläppchenmassage nicht viel aufzuweisen hat. Trotzdem liegen ihm sämtliche Frauen zu Füßen. Außer Melissa natürlich, die nicht an den Tod ihres Kindes glaubt und den Arzt dunkler Machenschaften verdächtigt.

Womit sie wohl nicht ganz Unrecht hat. Offensichtlich soll Kobold die wunderbar zwielichtige Unternehmerin Aurelia Patzke als Bösewicht ersetzen. Letztere wurde vom neuen Autorenteam Peter Grasemann und Regina Laudage aus der Handlung herausgeschrieben, ebenso wie der smarte Ganove Ecke und so mancher andere Publikumsliebling aus der ersten Staffel. Dafür gibt es eine viele neue Gestalten. Allen voran der trinkfreudige Pater Claudius, der sein Amt auch sonst eher unorthodox versieht. Wenn er hält, was sein Debüt verspricht, wird man mit ihm noch viel Freude haben. Genauso wie mit der unentwegt plappernden Sabine, die dem Pater als Praktikantin zugewiesen wurde und sich als rechter Rucksack des Herrn erweist. Ebenfalls neu sind eine umtriebige Reporterin, eine philosophierende Popcorn-Verkäuferin und ein zum Blues neigender Kirchenmusiker.

Geblieben hingegen ist die bewährte Mischung aus Ironie, Situationskomik und handfester Parodie. Sogar ein Werbespot für Putzmittel und eine 60-Sekunden-Fassung von Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ konnten in das Spiel integriert werden. Dramaturgisch geschickt kommt Johann am Ende unter ein Auto und wird blutüberströmt auf die Bühne getragen. Exodus, konstatiert der Frauenarzt. Aber der erklärt schnell mal wen für tot. Schief, aber gut: Das Team der zweiten „Soap“-Staffel.

31.01.2008 – In der Wüste der verlorenen Gefühle VON ISABELL STEINBÖCK in den WN

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31.01.2008 – In der Wüste der verlorenen Gefühle
VON ISABELL STEINBÖCK in den WN

Münster. Große, rote Kunststoffkakteen, Lianen, die zu Schlangen mutieren und sattes, grünes Blattgewächs bilden die Kulisse zu Stephanie Thierschs „Cactus Bar“, einem Nachtclub mitten in der Wüste. Die Kölner Choreografin, die mit „Under Green Ground“ und „Beautiful Me“ Erfolge feierte, bringt mit ihrer neusten Produktion, die im Pumpenhaus zur Münster-Premiere kam, ein Stück zweifelhafte Wildwestromantik auf die Bühne: Rauchende Colts und ein toter Butler gehören ebenso dazu, wie verführerische Sängerinnen und finster aussehende (Cow-) Boys, die in den anwesenden Damen und Herren Sexobjekte suchen und auch finden. Was sie nicht finden, ist die Erfüllung ihrer Träume.
Stephanie Thiersch sucht nach den Abgründen erotisierender Körper in einer Gesellschaft, in der Pornographie zum Alltag gehört. Was bleibt nach dem Sex? Wo endet die Party, die so hoffnungsvoll begann? Was ist zu sehen, wenn schließlich die Maske des Verführers fällt?
Die Choreografin, die sich bislang auf multimediale Tanzproduktionen spezialisiert hat, besinnt sich in der „Cactus Bar“ klassisch auf Schauspiel, Tanz und Musik, ohne dass ihr Stück deshalb an Atmosphäre verliert, im Gegenteil. Stephanie Thiersch gelingt es, eine Stimmung zu erzeugen, die durch Gewaltdarstellung und Unterdrückung immer wieder aufs Neue Beklemmungen hervorruft, indem sie zwei Ebenen darstellt: das vordergründig heitere Partyleben der „Cactus Bar“ mit absurder Kleinkunst, moderiert durch einen eitlen Conférencier, der selbst verzweifelt nach Befriedigung seines Egos sucht, und Szenen brutaler Sexualität bis hin zur Vergewaltigung.

Ironisch gebrochen werden die Szenen durch Darstellungen „großartiger“ Künstler oder Partygäste, die als Comicfiguren agieren und einander falsche Komplimente machen, bis Differenzen in der Paarbeziehung übermächtig werden. Die Tänzer Douglas Bateman, Orlando Rodriguez, Agustina Sario und Romy Schwarzer zeichnen sich dabei als eigenwillige Charakterdarsteller aus, die ihre wechselnden Rollen überzeugend ausfüllen.

Je mehr in dem Stück die Hüllen fallen, umso frustrierter werden letztlich die Figuren. Erst ganz am Schluss lassen sie sich dazu hinreißen, ihre Masken als leidenschaftliche Verführer abzulegen. Was bleibt, ist Verletzlichkeit, die Individualität endlich zulässt.

21.01.2008 – Markus Küper, Westfälische Nachrichten Horvaths “Ein Kind unserer Zeit”

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21.01.2008 – Markus Küper, Westfälische Nachrichten
Horvaths “Ein Kind unserer Zeit”:

Münster – Wenn Damir Avdic im harschen Kommisston „Willkommen im Land der Schmerzen!“ ins Mikro krakelt, ahnt das Publikum noch nicht, wie ernst es ihm damit ist. Dann haut der bosnische Psycho eines seiner verzerrten Gitarren-Riffs in die Saiten, als wollte er mit seiner Stromgitarre Gewehrsalven abfeuern. Die klingen zunächst mindestens so schräg wie sein Aufzug aussieht, dessen vom Schlips bis zum Beinkleid kariertes Einheitsmuster allein schon einer ästhetischen Kampfansage gleichkommt.

Keine Frage: Wenn der bosnische Regisseur Branko Simic Ödon von Horváths späten Exil-Roman „Ein Kind unserer Zeit“ im Pumpenhaus auf punkig pimpt, herrscht Krieg! Zumindest ein audiovisueller. Im Vergleich zu Avdic, diesen penetranten Punk’n’Roller, wirkt Schauspieler Pedrag Kalaba, Horváths namenloser Soldat, jedenfalls wie ein braver Statist in Uniform. Auch wenn er von Simic auf ein Podest gestellt wird. Kleiner Mann ganz groß? Ein Kind unserer Zeit eben. Ein naiver Mitläufer, der gerne in Reih und Glied steht. Einer, der die geordneten Dinge liebt, die das Denken überflüssig machen. Einer, der eben aus Leidenschaft Soldat ist. Ein mit Phrasen voll gestopfter, schuldlos schuldig gewordener Statthalter des Teufels auf Erden. Ob für Führer, Volk und Vaterland oder im Bosnien-Krieg.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Auch ohne Simics postpubertäre Bühnen-Sperenzchen. Ohne die infantil anmutenden, vom Laptop an die Leinwand gebeamten Kritzeleien, mit denen die Künstlerin Biljana Milkov die Lebensbeichte des zumindest verbal vom willfährigen Instrument kriegslüsterner Mächte zum armselig verstörten, nachdenklichen Krüppel mutierenden Protagonisten zu untermalen versucht. Vom Wolkenkuckucksheim bis zur Hölle auf Erden. Ohne das monotone, von allzu gewollt grotesker Gestik begleitete Dauerfeuer von Avdics Gitarre, das den von allerlei Wiederholungen und Ellipsen getragenen, immer wieder aus dem Off gedoppelten Selbstzerstörungs-Monolog bis an die Schmerzgrenze zur Langeweile konterkariert. So sehr, dass selbst der pazifistischste Zuschauer sich fragt, warum nicht Avdic statt des armen, verirrten Soldaten in diesem lähmend langen Theaterkrieg seinen Arm verliert.

Wie eingefroren kauert dieser schließlich auf seinem Podest der zerstörten Träume. Ein desillusioniertes, geistig gebrochenes Häufchen Elend, über das sich wohltuend lautlos das Eis des Vergessens schmiegt. „Paradies?“, kritzelt Milkov noch bedeutungsschwanger fragend an die Wand. Für das längst ermattete Publikum auf jeden Fall.