21.09.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Die Inszenierung der Langsamkeit

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21.09.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Die Inszenierung der Langsamkeit

Münster. Er sitzt mit dem Profil zum Publikum, die Knie angewinkelt, die Füße künstlich übereinander gestellt, dann zeichnet der Tänzer mit der Handkante die Form seines Körpers, seines Gesichtes nach. Das ist vielleicht der intimste Moment in Raimund Hoghes Tanzstück „L’Après-midi“, das jetzt im Theater im Pumpenhaus zur Deutschen Erstaufführung kam.

Inspiriert ist die Produktion von einer Choreografie, die wie keine andere Tanzgeschichte geschrieben hat: Zur Musik von Claude Debussy schockierte einst Startänzer Waslaw Nijinski (1912) als potenter Faun mit bebenden Lenden das Publikum. Hoghe, der im August durch eine unabhängige Kritikerumfrage der Zeitschrift „ballett-tanz“ zum Tänzer des Jahres 2008 ernannt worden ist, erinnert an dieses unvergessliche Tanzstück, indem er einzelne Posen einfriert. Mit einer Langsamkeit, die der Tänzer Emmanuel Eggermont souverän auf die Bühne bringt, zeigt er eine entrückte, kalte Schönheit, die nicht im entferntesten an die Erotik seines Vorbilds erinnert, wohl aber an die Figur des Faun. Etwa, wenn Hoghe Eggermont mit zurückgebogenem Oberkörper erhobenen Hauptes posieren lässt, oder wenn er ihn stets im Profil zeigt, die Füße parallel, die Hände flach ans Ohr gelegt, unbewegt wie eine griechische Statue.

Die kraftstrotzende, animalische Sexualität eines Nijinski kontrastiert hier mit einer Ästhetik, die durch klare, reine Linien besticht. Bewegungen einzelner Glieder, Arme, Beine, Kopf, erfolgen synchron und harmonieren ebenso mit der Musik Debussys wie mit Gustav Mahlers melancholischen Liedern. So wird die Langsamkeit nie langweilig, im Gegenteil: Es erstaunt, wie groß kleine Bewegungen wirken können, wenn sie mit Ruhe inszeniert sind. Dann etwa, wenn sich der Faun aus seiner Starre löst, indem er die Finger spreizt, oder plötzlich mit schwingenden Armen den Raum durchmisst.

Das sind Momente von zarter Lebendigkeit. Ansonsten wirkt Hoghes Faun eher wie ein Schatten seiner selbst, eine Erinnerung vielleicht, die dem Ende entgegengeht. Am Schluss gießt Hoghe, der die Bühne seines Tänzers bis dato durch zwei Gläser Milch begrenzt hatte, ebendiese auf den schwarzen Boden, um damit fliegende Vögel zu malen – das Ende eines außergewöhnlich sensiblen, poetischen Tanzstücks.

VON ISABELL STEINBÖCK

05.09.2008 – Viktoria von Plettenberg in den Westfälischen Nachrichten: Cactus-Theater: „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“

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05.09.2008 – Viktoria von Plettenberg in den Westfälischen Nachrichten
Cactus-Theater: „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“

Münster. Acht Mädchen in kunterbunten Kleidern und auffälligen Frisuren stehen unbeweglich mit dem Rücken zum Publikum im hinteren Bühnenbereich. Vor jedem ist eine schmale, weiße Wand aufgebaut. Im Vordergrund liegen haufenweise Schaumstoffquader herum. Es wird dunkel und Klaviermusik ertönt, die zunehmend an Dramatik gewinnt. Ein Lichtstrahl fällt von der Seite auf die Schauspielerinnen. Langsam setzen sie sich in Bewegung. Ihr „Shopping-Tag“ bricht an.

Surreal wirkt das Bild, das sich dem Theaterbesucher am Mittwochabend im Pumpenhaus bietet. Raubtierartig wittern acht Teenagerinnen während ihrer Schnäppchenjagd die begehrten Produkte, die durch die Schaumstoffstücke symbolisiert werden. „Betrachte die Ware als Beute und dich selbst als Jäger“, lautet eine ihrer Shopping-Weisheiten. Mit den Augen messen sie neiderfüllt die Chancen ihrer Konkurrentinnen ab. Blitzartig schnellen sie hervor, reißen die Ware an sich und blicken drohend ins Publikum. Wie Raubkatzen schleichen sie vorsichtig zurück, ihre Beute hinter dem Rücken versteckend.

Mit ihrem selbst produzierten Tanztheaterstück „Shopping“ hat das junge Theater „Cactus“ in der Regie von Silvia Jedrusiak-Schwab und der Choreografie von Tamami Maemura ein futuristisches Bild unserer Konsumgesellschaft geschaffen. Licht- und Schattenseite dieser nicht unrealistischen Utopie wechseln sich dabei ständig ab. Die acht Schauspielerinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren entlarven die Gefahren, die sich hinter der glamourösen und reizvollen Einkaufswelt verbergen.

Die Mädchen geraten in einen Rauschzustand, der sie alles um sie herum vergessen lässt. „Shopping“ wird zu ihrem einzigen Lebensinhalt, die erstandenen Produkte zum alleinigen Identifikationsfaktor. Selbstverliebt sehen sie nichts als die eigene Person und das eigene Glück. Als „materialfixierte Egomaninnen“ beschimpfen sie sich untereinander und treffen damit den Kern. Kunstvoll spiegelt sich das Thema in Musik und Tanz wider. In Zeitlupe tanzen die Mädchen zu dem Hit „Barbie-Girl“. Ihre abgehackten Bewegungen erinnern an Roboter.

Überschwängliche Freude und tiefe Verzweiflung liegen in dem Stück nah beieinander. Eine Mauer aus Einkäufen baut sich um ein am Boden sitzendes Mädchen auf. Ihr selbstgerechtes und zufriedenes Lächeln erfriert langsam. Traurig scheint sie sich ihrer Einsamkeit bewusst zu werde.

In ihren Mitmenschen finden die Kaufsüchtigen keine Freunde, sondern Konkurrenten oder sogar Feinde. Existiert dennoch ein Verlangen nach Freundschaft, so muss diese erkauft werden. Die Entfremdung unter den Mädchen schreitet so weit fort, dass sie einander nicht mehr verstehen können. Ein babylonisches Sprachgewirr erfüllt den Theatersaal und mündet in einem gellenden Verzweiflungsschrei. „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“, stellt eine Teenagerin ernüchtert fest. Doch die Shoppingschlacht geht weiter . . . Weitere Spieltermine: 5., 6. und 7. September um 20 Uhr im Pumpenhaus ( 23 34 43). VON VIKTORIA V. PLETTENBERG

29.08.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung Acht Mädchen gehen shoppen

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29.08.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Acht Mädchen gehen shoppen

MÜNSTER Das Cactus-Theater zeigt am Mittwoch (3. September) die Premiere des Stücks “Shopping” im Pumpenhaus in Münster. Acht Mädchen zeigen, was es heißt, richtig shoppen zu gehen.

Nach einem Jahr harter Arbeit im offenen Schauspieltraining für Mädchen beim Jungen Theater Cactus überlegten die acht Teilnehmerinnen, welches Thema für ihr angepeiltes Stück aktuell sein könnte. Das Resultat ist nicht verwunderlich. Schon das Wort allein lässt wohl 99,9 Prozent aller Frauenherzen höher schlagen: Shopping!

Bei Männern dürfte die Quote nicht allzu sehr darunter liegen. Was für die einen die Schuhe, sind für die anderen die Schlagbohrer – um im Klischee zu bleiben. Um solch typische Einkaufssituationen geht es beim Stück „Shopping“, das am Mittwoch (3. September) um 20 Uhr im Pumpenhaus Premiere hat.
 
Zickenterror

Um den Zickenterror in der Warteschlage, um den Neid, wenn ein anderer am Grabbeltisch erfolgreicher war, um den Kaufrausch, das Glücksgefühl beim Gedanken, etwas zu besitzen. Aber auch die Enttäuschung, wenn man zu Hause etwas auspackt, das ganz anders wirkt als noch soeben im Geschäft.

All das haben die acht jungen Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren in einen einstündigen „Gang durch die Einkaufsmeile der Shoppinggelüste“ gepackt, so der künstlerische Leiter Alban Renz. Mit Silvia Schwab hatten sie eine neue Cactus-Regisseurin an der Seite, die ein für Cactus eher untypisches Stück zustande gebracht hat: „Es ist sehr stilisiert, eine sehr körperliche Arbeit, die Mädchen bewegen sich wie Barbie-Roboter“, so Renz.

Guckkastenbühne

Es ist eine Gruppenchoreografie entstanden in einer ebenfalls für das Cactus-Theater sehr untypischen Guckkastenbühne. Choreografin Tamami Maemura studierte mit den Mädchen die Bewegungsabläufe ein. Sie ist voll des Lobes über die Disziplin, das Improvisationstalent und die physische Ausdruckskraft der Mädchen.

Zwischen Sehnsucht und Verführung

Das Shopping-Stück zwischen Sehnsucht und Verführung entwickelte sich über ein Jahr lang. Die Jugendlichen brachten immer wieder ihre eigenen Einkaufserfahrungen zu Papier, fragten Passanten beim Einkaufen nach ihren Shopping-Gewohnheiten. Bei solchen Interviews erlagen die Mädchen selbst auch ab und an dem Rausch. „Wir lieben es alle zu shoppen“, gesteht die Mitspielerin Luise Fahle. Das Stück soll ja auch nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger winken oder gar Shopping verleiden. Man zeige aber, wie es sein kann, so Regisseurin Schwab lächelnd: animalisch.

Termine: 3., 5., 6., 7. September, jeweils 20 Uhr. Karten im MZ-Ticket-Corner, Tel. 0251/5925252.
www.pumpenhaus.de

04.06.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten – Wie ein klärendes Gewitter: Das Soap-Finale

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04.06.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten
Wie ein klärendes Gewitter: Das Soap-Finale

Münster. Es ist kein normales Gewitter. Ein letzter tosender Sturm fegt durch das Pumpenhaus. Orkanartige Böen peitschen aus den Lautsprechern, Blitze zucken durch die Scheinwerfer, die Soap-Charaktere bäumen sich auf, stemmen sich gegen ihr Schicksal, ein letztes Mal – dann ist alles vorbei. Das „Grand Finale“ der zweiten und letzten Soap-Staffel von „Cactus Junges Theater“.
„Das gibt Aquaplaning ohne Ende.“ Trotz weiser Vorahnung macht sich Visagist Johann in Regencape und Rollstuhl auf die Suche nach Ex-Freundin Melissa: „Ich habe Melissa im Regen kennen gelernt, da werde ich sie wohl noch im Regen retten können!“ Johann will zum Held werden. Doch das Unwetter ist stärker – und alles gerät ins Schlingern . . .

Nach und nach entwirren die Regisseure Alban Renz und Pitt Hartmann die ineinander verwobenen Handlungsfäden der Fortsetzungs-Geschichte. Was passierte mit Melissas Baby? Was bedeutet die wiederkehrende Zahl „43“? Was plant der schmierige Dr. Kobald? Intrigen und Lügen werden schamlos aufgedeckt. Endlich gibt es Antworten. Zum Beispiel die: Melissas Junge lebt. Die über die letzten vier Folgen aufgebaute Spannung entlädt sich dramatisch über der Soap-Gemeinde.

Auf eine filmreif inszenierte Zeitlupen-Reanimation folgt ein kommentarlos-trockener Mord durch Halsbruch, dazwischen gibt es immer mehr Küsschen. Die Bühnen-Soap bleibt sich in der Abschlussfolge treu, als „geheuchelte Hommage“ an ihr Genre – meist überzeichnet, manchmal absurd, stets keck. Längst haben die Soap-Charaktere eigene Persönlichkeiten entwickelt. Ihre Bewegungen, ihre Sprache, ihr Stil – die Schauspieler brillieren, sie leben ihre Rollen. Was sollte Pater Claudius nach einer ersten Sofa-Nacht mit Praktikantin Bine auch sagen, wenn nicht: „Das war göttlich – Amen“?

Liebe oder Verdammnis – bei der Auflösung der Geschichte bekommt schließlich jeder sein verdientes Schicksal. Endlich Gerechtigkeit – das freut die treuen Soap-Fans, das Klatschen nimmt kein Ende. Doch, o weh, die Soap-Gemeinde verflüchtigt sich vor den Augen der Zuschauer. Die Einen zieht es mit Esoterik-Tante Cosima nach Indien, die Nächsten gehen mit einem Kindermusical auf Welttournee und Johann meldet sich per Videobotschaft vom Strand in Hawaii.

Die WG-Freundinnen Bine und Helena tauschen eilig zugeschniefte Taschentücher. Der Abschied fällt schwer. Wehmütige Blicke im Publikum. Nach zwei Staffeln, zehn Folgen und 20 Stunden Soap geht eine Ära zu Ende. Einsam bleibt Emil in der WG zurück, doch (nicht nur) er klammert sich an eine letzte Hoffnung. „Wer weiß, vielleicht geschieht irgendwann ein Wunder – und wir sehen uns wieder!“

Für die letzte Aufführung am heutigen Donnerstag, 20 Uhr, gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.

04.06.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung – Das Finale der Soap: Tränen, Trauer, ganz viel Liebe

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04.06.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Das Finale der Soap: Tränen, Trauer, ganz viel Liebe

MÜNSTER. Die Taschentücher sind wirklich, wirklich nötig. Bei der letzten Folge der Soap gab es im Publikum und bei den Schauspielern Tränen. Bye-bye, Agnes! Ciao Melissa! Die letzte Folge in Münsters Pumpenhaus ist dramatisch, grotesk, komisch – und unendlich traurig.
Mit Blitz und Donnerschlag startet der letzte Teil der Theatersoap im Pumpenhaus. Man fühlt sich an die Gewitternacht bei Frankenstein erinnert. Aber keine zusammengeflickten Leichenteile werden hier zum Leben erweckt, sondern Agnes, die aus unglücklicher Liebe Selbstmord begehen wollte. Bei der spektakulären Aktion ziehen die Darsteller alle Register in Sachen Dramatik und Komik. Als hätte es die Muppets in eine Shakespearesche Tragödie verschlagen.
Das Unwetter bringt auch Pater Claudius in die Bredouille. Als ihm Praktikantin Sabine anbietet, bei ihr zu übernachten, muss er sich zwischen Beruf und Liebe entscheiden. Was die beiden aus der Sache machen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls ist es „genau das, wonach es aussieht“, wie Sabine ihrer Freundin Helena erklärt, nachdem diese unvermutet ins Zimmer schneit. Ein bisschen ist daran auch Juliane Tölle schuld. Die Gewinnerin des Soap-Quiz’ wirkt in der letzten Folge als Sturmbeauftragte mit und wird vom Pater prompt für seinen obersten Dienstherrn gehalten.
Liebe schwärmt auf allen Wegen – zumindest was die Nebenschauplätze betrifft. Komplizierter wird es bei der Haupthandlung um Melissas verschwundenes Kind. In einer telepathischen Konferenzschaltung mit Paula und Donna findet Johanns esoterisch angehauchte Tante Cosima etwas heraus, was ein völlig neues Licht auf die Sache wirft. In Rückblenden wird der Fall noch einmal aufgerollt. Und wer meinte zu wissen, was gut und böse ist, erlebt manche Überraschung.
Im Gegensatz zur ersten Staffel gibt es hier keinen Cliffhanger. Das Ende ist ein richtiges – ein bisschen glücklich, ein bisschen traurig, wie so oft im Leben. Und so empfindet wohl auch das Ensemble. Glücklich, weil sie ein derart erfolgreiches Projekt auf die Beine gestellt haben, traurig, weil es mangels Geld keine Fortsetzung geben wird. Oder hat es etwas zu bedeuten, dass am Schluss Zara Leander „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ anstimmt?

Termine: Mittwoch (4. Juni) und Donnerstag (5. Juni) um 20 Uhr im Pumpenhaus.

www.das-soap-ding.de

02.06.2008 – Günter Moseler in den WN: Mit Béla Bartók hinaus aufs Land

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02.06.2008 – Günter Moseler in den WN
Mit Béla Bartók hinaus aufs Land

MÜNSTER. Béla Bartók, der größte Komponist Ungarns neben Franz Liszt, stapfte um 1920 mit einem Aufnahmegerät über die Felder, um sich von der Landbevölkerung Volkslieder vorsingen zu lassen. Auf den erhaltenen Aufnahmen sind die rauen Stimmen zu hören: etwas brüchig, aber mit zäher Energie die Melodielinie verfolgend.

Mit einem solchen Thema beginnt das Konzert der Band Transsylvanians im Pumpenhaus. Für die improvisierte Hommage an Bartók und ungarische Volkslieder perlt András Tiborcz Skalen am Klavier, während Akkordeon, Kontrabass und Gitarre melancholische Improvisationsloopings vollführen. Als noch im Epilog dieses Bartókschen „Abends auf dem Lande“ die Schlussakkorde wie Kirchenglocken schallen, scheint das viel beschworene dörfliche Ambiente für die Zuhörer in greifbarer Nähe.

Ein Tanz für jede Lebenslage
Liebeslieder, Trauerlieder, Wanderlieder, politische Lieder – für jede Gefühls- und Meinungslage haben die Transsylvanians Tanzrhythmen parat. Isabel Nagy steht neben dem Kontrabass wie eine kleine Schwester. Sobald sie mit ihrer hohen, vibratolosen Stimme zu singen beginnt, wird eine authentische Atmosphäre ungarischer Folklore spürbar.

“Ki Ki Ki”
Tonleitern, an die Silbenlängen angepasste punktierte Rhythmen, hartnäckige Einstimmigkeit und ein variables Metrum dominieren in einer Musik, die stolzer Ausdruck provinziellen Selbstbewusstseins ist. Im Song „Ki Ki Ki“ verzaubert Tiborcz zupfend seine Violine zu einer Mandoline, Hendrik Maaß liefert zum Zigeuner-Panorama Gitarrenblitze, und Thomas Leisner schnitzt mit Akkordeonskalen einen musikalischen Bilderrahmen. Ein schöner Abend mit großer Musik und ohne Schnick-Schnack.

19.05.2008 – Von Ronny von Wangenheim in den Ruhr-Nachrichten: Halbstarke Ärzte im prinz regent theater

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19.05.2008 – Von Ronny von Wangenheim in den Ruhr-Nachrichten
Halbstarke Ärzte im prinz regent theater

Halbstarke Ärzte im prinz regent theater

BOCHUM. Ärzteserien beherrschen die Fernsehprogramme. Und das Theater? Am prinz regent theater erobern jetzt “Halbstarke Halbgötter” die Bühne. Frei nach dem Motto: “Die Schilddrüse braucht noch Blut, die Galle kann nach Hause”.
Nach der Premiere kommt das Gastspiel in Bochum.
Im Zentrum steht ein OP-Tisch, auf dem schon 15 000 Kinder zur Welt kamen. Regisseur Tugsal Mogul bekam ihn von seinem Arbeitsplatz: der Raphaelsklinik in Münster. Mogul ist diplomierter Schauspieler und Arzt, arbeitet als Anästhesist in Münster. Und hat aus den Geschichten, die er erlebt hat und die ihm seine Kollegen erzählten, einen Theaterabend gemacht. Aber auch literarische Texte etwa von Tschechow sind eingeflossen. Gerade war Premiere im Pumpenhaus Münster, am Freitag (23.), 20.30 Uhr, ist das Gastspiel in Bochum.

Stück ist eine Theatermontage
Es ist eine Theatermontage, die Tugsal Mogul geschaffen hat, in der er seine Helden des Alltags kritisch zur Arbeit schickt: Die Gynäkologin (Carmen Dalfogo), die Assistenzärztin (Bettina Lamprecht), den Anästhesist (Stefan Otteni) und den Oberarzt der Chirurgie (Dietmar Pröll). Alle sind an ein EKG-Telemetrie-Gerät angeschlossen, so dass die Zuschauer an der Rückseite der Bühne die Herzfrequenzen der Schauspieler beobachten können. “Bei der Premiere ging der Puls schon mal auf 180”, lacht Mogul.

Echte OP zur Vorbereitung gesehen
Vorbereitet haben sich die Schauspieler nicht nur auf der Bühne. Mogul nahm sie in sein Krankenhaus mit, in den OP und ließ sie bei einer echten Operation zusehen.

Für den 38-Jährigen ist der OP ein sehr mystischer, heiliger Raum, ähnlich einer Kirche oder Moschee. Reinigungsrituale, die strengen Gesetze der Sterilität, der Respekt vor dem Patienten, die konzentrierte Atmosphäre – das sind Eindrücke, die er mit den Mitteln der Kunstform Theater ausdrücken wollte.

“Die Schilddrüse braucht noch Blut, die Galle kann nach Hause”
Dabei sieht er seinen eigenen Berufsstand Arzt nicht unkritisch. Die Sprache – “Die Schilddrüse braucht noch Blut, die Galle kann nach Hause” – wird genauso thematisiert wie die permanente Überlastung der Ärzte, die 24-Stunden-Schichten, das Drogen- und Alkoholproblem bei Ärzten und Schwestern, der wahnsinnige Zeitdruck, der immer größer wird. Tugsal Mogul hat seine Kollegen, die bei der Premiere im Publikum saßen, genau beobachtet: “Sie kamen schon ins Nachdenken. Aber amüsiert haben sie sich auch.”

01.06.2008 – Bernd Liesenkötter in den WN: Mehr als ein Spiel der Körper

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01.06.2008 – Bernd Liesenkötter in den WN
Mehr als ein Spiel der Körper

Münster. Am Anfang geht es immer wieder zurück zu den Köpfen. Sie reiben sich, sie beschnuppern sich, sie stoßen sich gegenseitig. Fast wie zwei Magnete, die sich anziehen und dann wieder abstoßen. Zwischendurch immer wieder gegenseitiges Verschlingen, Auseinanderdriften, Aufeinanderzurennen, den anderen tragen, dann wieder getragen werden.
So stellen Karen Levi und Ugo Dehaes wohl den Beginn einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen Mann und Frau in ihrem Tanzstück dar. Unter dem Titel„Paar-Weisen“ (Originaltitel: „Couple-Like“) führten die zwei am Samstagabend im Rahmen der internationalen Tanztheaterreihe im Pumpenhaus eine spannende Performance auf. Fast gänzlich ohne Musik, mit minimalistischer, allerdings gekonnter und äußerst behutsam changierender Beleuchtung: Nichts soll ablenken vom Spiel der Körper, das soviel mehr zeigt als das reine Spiel der Körper. Besonders eindrucksvoll für die Zuschauer war auch die Geräuschkulisse: Das Klatschen der Körper aneinander, das Trommeln der nackten Füße auf den schwarzen Bühnenboden und gerade auch das teils heftige Keuchen der zwei Darsteller. Tanzen geht nicht ohne Anstrengung von der Hand – ganz so wie eine Beziehung auch nicht ohne Anstrengung von der Hand geht.
Im weiteren Verlauf der Performance dann immer wieder auch Kämpfe um Dominanz im Zentrum. Aus einer Situation des Getragenseins durch den Partner lotet der Getragene immer wieder aus, wie weit er gehen kann. Er sucht die Dominanz, zerrt, spannt und überspannt tatsächlich den Körper des anderen.
Besonders eindrucksvoll wirkt übrigens die Szene, als Dehaes sich in den Schoß seiner Partnerin kuschelt. Bei nur ganz geringer Lichteinstrahlung wirkt er ungeheuer geborgen. Doch dann, ganz langsam, nicht aufdringlich, nicht hektisch beginnt sich die Situation zu drehen. Seine Partnerin nutzt die Verletzlichkeit, erschleicht sich förmlich immer mehr Dominanz, bis sie ihn schließlich gar mit ihren Schenkeln würgt. Dabei entwickelt sie ein ganz feines, äußerst triumphales Lächeln. Doch dann dreht sich die Situation wieder. Dehaes befreit sich, stößt sich ab. Bis zum nächsten Aufeinandertreffen.

16.05.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten: Ärzte im Manager-Stress

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16.05.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten am 16. Juni 08
Ärzte im Manager-Stress

Münster. Ihr Puls rast. Die Anzeige leuchtet blau auf. Die Herz-Frequenz von Frau Lamprecht pendelt jetzt um 180. Das sind drei Schläge pro Sekunde. Doch die Warnung wird ignoriert. Frau Lamprecht ist keine Patientin. Sie ist Ärztin. Und Frau Doktor erzählt gerade von ihrem ersten Notfall, als sie keine Stelle fand, um die Spritze zu setzen. Im Pumpenhaus geht einiges durcheinander und macht trotzdem Sinn.

Im OP-Saal „Pumpenhaus“ läuft die Uraufführung des Stückes „Halbstarke Halbgötter“. Ihr Weiß lässt Regisseur Tugsal Mogul peu à peu grau werden. Und er darf das, weil er sich auskennt. Mogul ist praktizierender Anästhesist. Vier Ärzte sitzen vorm Publikum, gekleidet in grünen Kitteln, verschleiert mit Haarnetz und Mundschutz. Der Zuschauer kennt die Figuren so wenig wie ein Patient seine Chirurgen. Nur deren tatsächlicher Puls rattert über die Anzeige in der Kulisse. Banges Warten, doch der OP-Tisch bleibt leer, diese Ärzte legen sich selbst und ihren Berufsstand unters Messer.

Die Ärzte nähern sich dem Publikum auf Stippvisite. Fachbegriffe kreisen, Abkürzungen, der Laie versteht kein Wort. Oberarzt Dr. Pröll nickt hastig, blickt auf seine Uhr. Wieder ruft der Pieper: der pure Stress im Krankenhaus. Unverständliche Diagnosen, anonyme Abfertigung, überarbeitete Ärzte – das klingt bekannt. Vorsichtig durchbrechen die Schauspieler das spröde Klischee. „Wir sind doch Ärzte! Kein anderer Beruf verdient so viel Achtung, so viel Respekt“, ereifert sich Pröll. „Und was tun wir? – Wir verspielen das Ganze!“ Zeitdruck, Verfahrensanweisung, Bettenbelegung – „so reden Manager“. Im Kanon rezitieren die Ärzte den Eid, ihr Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen. Pröll traurig, wütend: „Ich bin verarscht worden!“

Gegenseitig gestehen sich die Helden ihre Selbstzweifel, ihre Frustration, ihre Schuldgefühle. Warum dieser Blackout? Warum musste das Kind sterben? Aus den OP-Kitteln schälen sich Menschen. Ihre Hände dürfen jetzt zittern. Plötzlich geht es um verdrängte Träume, Bücherlesen, Knutschflecke. Die Lebensretter schwelgen in ruhmreicher Vergangenheit: „Ich hab das gemocht, 24-Stunden-Dienst, 24 Stunden keine Sonne sehen!“

Diesen Arbeitsalltag kennt Tugsal Mogul. Der Arzt und Schauspieler verwebt für sein Debüt eigene Erfahrungen zu einer Krankenhaus-Collage. Die Produktion der Gruppe „Theater Operation“ heischt bei diesem Eingeständnis nicht um Aufmerksamkeit. Ein einziges Mal spritzt Blut, sonst bleibt es erfreulich steril. Wenig Sensation, keine Effekthascherei, das 75-minütige Stück überzeugt durch die langsame, aber heftige Entblößung der Charaktere.

Mit Carmen Dalfogo, Bettina Lamprecht, Stefan Otteni und Dietmar Pröll spielt ein hochkarätiges Ensemble mit Fernseh- und Bühnenerfahrung. Wohl dosiert verwandeln sie sich in Dialogen und Anekdoten von anonymen Kittelträgern zu einfühlsamen Ärzten. Mogul will aufklären über die Krankenhaus-Zustände, sein Stück prangert an. Mitunter klingt das nach künstlerischer Frustbewältigung: „Und man möchte meinen, nur noch ein kleines Weilchen, und wir erfahren, weshalb wir leben, weshalb wir leiden.“ Die Ärzte brauchen schließlich selbst Hilfe. Weitere Aufführungen: Samstag und Sonntag (17. und 18. Mai) um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: 23 34 43.

16.05.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Der Puls rast, die Spannung fällt

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16.05.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Der Puls rast, die Spannung fällt

Die Halbgötter in Grün müssen ständig alles untersuchen.
Mit denen sie gegen Stress, Überforderung und Schlafmangel anzukämpfen versuchen. Später zeigen sie sich gegenseitig ihre Operationsnarben, stolz wie kleine Jungs, die ihre Trophäen präsentieren. Irgendwie, denkt man, sind sie doch Kinder geblieben. Trotz Studiums, Approbation und Riesenverantwortung.

Ohne Not in der Notaufnahme

Für seine „Halbstarken Halbgötter“ hat der Arzt und Regisseur Tugsal Mogul einen medizinischen Hörsaal ins Pumpenhaus gebaut. In der Mitte thront der Operationstisch, dahinter registrieren EKGs die Herzfunktionen der Schauspieler, deren Pulsschlag zeitweilig beängstigend steigt. Etwa, wenn sie von ihren Mammutdiensten berichten oder sich über Patienten echauffieren, die ohne Not in die Notaufnahme kommen. Anschließend schreiten sie zur Operation. Mit Skalpellen rücken sie dem Tisch zuleibe und entnehmen ihm allerlei Blutiges.

Die Situation des Arztes in all ihren Facetten ist Thema des Stückes. Dabei schlagen Carmen Dalfogo als Gynäkologin, Bettina Lamprecht als Chirurgin, Stefan Otteni als Anästhesist und Dietmar Pröll als Oberarzt vorwiegend kritische Töne an. Der medizinische Jargon, der den Menschen auf seine Krankheit reduziert, kommt ebenso zur Sprache wie der moderne Klinikalltag, der mit dem einst feierlich geleisteten Hippokratischen Eid nur noch wenig zu tun hat. Auch die körperlichen und seelischen Spuren, die der Beruf hinterlässt, werden nicht ausgespart.

Zu medizinisch

Doch trotz der Materialfülle zieht sich die Inszenierung etwas gleichförmig dahin. Das mag an der Sprache liegen. Die Geschichten werden im typischen Ärzteton erzählt, zu ausführlich oft und mit zu vielen medizinischen Fachbegriffen gespickt. Ohne eigene Klinikerfahrung, sei es diesseits oder jenseits der Bettkante, lässt schnell die Aufmerksamkeit nach. Man vermisst ein wenig die künstlerische Distanz, die nötig ist, um aus einem interessanten Stoff gutes Theater zu machen.