SIGNATUREN – Handschriften für das Theater der Gegenwart

Festival 01. bis 30. November 2014

SIGNATUREN – Handschriften für das Theater der Gegenwart


Singnaturen_300x200Manche Künstler haben Ideen. Andere haben eine Handschrift. Eine, die das Theater geprägt hat und prägt. Die unverwechselbar ist. Die sich nicht nach Moden richtet, sondern Maßstäbe setzt. Mit dem Festival Signaturen präsentieren wir im November sechs solcher Künstler und Gruppen. Einmal quer durch Europa. Eingeladen sind das Attis Theatre von Theodoros Terzopoulos. Der in London lebende Italiener Franko B. Der Niederländer Chaim Levano. Der Flame Jan Decorte. Das Berliner Kollektiv Rimini Protokoll. Und der westfälische Wahlberliner Thorsten Lensing. Sie alle haben im Pumpenhaus schon ihren Stempel hinterlassen. Theatersternstunden beschert, die sich uns unauslöschlich ins Gedächtnis eingeschrieben haben. Für diese Könner halten wir jetzt vier Wochen lang den gewohnten Betrieb an. Sind ausnahmsweise mal nicht Entdecker, sondern Bestärker des Bewährten. Fallen aus der Zeit und geben die Bühne frei für junge und alte Meister. Gerahmt von Publikumsgesprächen, einer Lesung und einem exklusiven Konzert. Das Programm bietet starke Aufführungen. Nicht Recherchen oder Versuchsanordnungen. Ästhetisch ganz von heute. Getragen von der Liebe zum alten Medium. Das Theater ist ja immer auf der Jagd nach dem neuesten Trend. Hype, Hype, Hurra! Wir treten einen Schritt zurück und zeigen Erneuerer, die gekommen sind, um zu bleiben. Wir wollen Theaterereignisse. Nicht mehr und nicht weniger. Lassen Sie sich anstecken von unserer Leidenschaft für prägende Handschriften.

Das Festival Signaturen ist eine Koproduktion vom Theater im Pumpenhaus und der Kunsthalle Münster und wird unterstützt von der Kunststiftung NRW.

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Sa 1. + So 2.11.2014, 19 Uhr / Theater | 25,-€ / erm. 17,-€
„Qualitätskontrolle“ – Rimini Protokoll (Berlin)

Nach dem Warum hat sie nie gefragt. Warum sie vor 20 Jahren in den Pool der Ferienanlage gesprungen ist. Kopf-über, auf der Nichtschwimmerseite. Maria-Cristina Hallwachs ist seit dem Genickbruch vom Kinn abwärts gelähmt. Jedes Glas Wasser muss ihr gereicht werden. Die Atmung steuert ein Zwerchfellstimulator. Ihre Pflege kostet in der Stunde soviel wie ein Olivenbäumchen im Gartencenter. Erzählt sie selbst. Auch, dass sie bereits im Krankenhaus gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könne ein Leben in solcher Abhängigkeit zu leben. Ja – war die Antwort – leben hieß erstmal die nächsten 5 Minuten »überleben«. Maria-Cris­tina Hallwachs ist die Protagonistin in Qualitätskontrolle der Gruppe Rimini Protokoll. Gerade erst mit dem Publikumspreis der Mühlheimer Stücke 2014 ausgezeichnet! Die Arbeit von Helgard Haug und Daniel Wetzel schildert kein trauriges Schicksal. Sie stellt existenzielle Fragen. Wir wollen die Risiken minimieren. Schon vor der Geburt. Wünschen unseren Kindern nichts als Erfolg. Nur: wie viel Kontrolle lässt das Leben zu? Wo endet Selbstbestimmung? Was, wenn sich eine Biografie nicht mehr als Erfolgsmeldung erzählen lässt? Rimini Protokoll sind die Revolutionäre des Dokumentartheaters. Mit ihren Experten des Alltags heben sie die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf. Schaffen Momente, die ans Wesentliche rühren. Oft kopiert, nie erreicht. Sie hatten schon professionelle Trauerredner, Karl-Marx-Kenner, Vietnamveteranen, indische Callcenter-Agenten und ägyptische Muezzine auf der Bühne. Hier begegnen wir einer Frau, die sagt: »Ich lächle. Oft«.

Mit Maria-Cristina Hallwachs, Timea Mihályi, Admir Dzini? Konzept/Text/Regie Helgard Haug, Daniel Wetzel Bühne/Licht/Videomapping Marc Jungreithmeier Bühne Marco Canevacci (Plastique Fantastique) Video/Videomapping Grit Schuster Musik Barbara Morgenstern Dramaturgie/Recherche Sebastian Brünger Produktionsleitung Heidrun Schlegel Regieassistenz/Recherche Markus Klemenz Bühnenbildassistenz Ewa Sobczak Produktionsassistenz Caroline Lippert Inspizienz Hans Beck, Thomas Hoffmann Regiehospitanz Birte Niederhaus ?Dramaturgiehospitanz Lena Fritschle Aufführungsrechte schaefers-philippen Theater und Medien GbR Produktion Rimini Apparat Koproduktion Schauspiel Stuttgart Förderer Regierender Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – ?Kulturelle Angelegenheiten Foto Hanna Lippmann, © Rimini Protokoll

Nach der Aufführung am Sa, 1.11.:
Patrick Wildermann im Gespräch mit Helgard Haug
Schon während seines Studiums an der WWU arbeitete der gebürtige Münsteraner Patrick Wildermann für das Feuilleton und übernahm diverse Regietätigkeiten für Theaterprojekte in und um Münster. Seit 2005 lebt und arbeitet Wildermann in Berlin und schreibt als freier Kulturjournalist unter anderem für Theater der Zeit, Tagesspiegel, tip-Magazin und Goethe-Institut.


Deutsche Erstaufführung

Fr 7. + Sa 8.11.2014, 20 Uhr / Performance | 20,-€ / erm. 14,-€

„Because of Love“ – Franko B (London)

Der massige Mann in der weißen Feinrippunterwäsche schmiegt sich an eine Wärmflasche. Er gräbt Fuchsköpfe aus der Erde und hält sie im Arm geborgen. Er tanzt einen entrückten Tanz mit einem mechanischen Eisbären. Because of Love. Willkommen in der Welt des Franko B! Der in London lebende Italiener hat die Kunstszene seit den 90ern geprägt, überrascht und aufgemischt wie kein Zweiter. Mit Performance, Video, Fotografie, Malerei, Installationen, Skulpturen. Und mit Blut. Franko B, großflächig tätowierter Berserker der Verletzlichkeit, hat immer wieder den eigenen Körper zum Mittelpunkt seiner Projekte gemacht. Ihn malträtiert bis zum Aderlass. Wie in seiner Bleeding-Performance I miss you!, die mit den Mechanismen der Modenschau spielte. Und rote Spuren auf dem weißen Laufsteg hinterließ. Nichts für schwache Nerven. Für den Schmerzensmann selbst die Konsequenz aus Joseph Beuys’ Credo: »Zeige deine Wunde, und du wirst geheilt!« Vom Blut ist Franko B mittlerweile zwar abgekommen. Aber Because of Love ist kein bisschen weniger radikal, persönlich, unter die Haut gehend. Der Künstler befragt hier die eigene Erinnerung. Ihre falsche Sentimentalität. Ihren eigentümlichen Nachhall. Das reicht von einschneidenden Begegnungen mit den Werken von Mark Rothko, Raimund Hoghe oder Kazuo Ohno. Bis zur Geschichte der Hündin Laika, die 1957 von den Sowjets ins All geschossen wurde. Entstanden ist eine fragile, vielschichtige und fesselnde Performance. Unberechenbar wie ein tanzender Eisbär.

Performance Franko B Gesang Mitch Miller Original Musik Othon Performance Support/Prop Operation Nina Berclez, Samuel Kennedy Requisite MDM (London), Officinesantandrea (Verona) Technische Produktion Steve Wald Mitentwicklung Gilles Jobin, Tim Etchells Lichtdesign Nigel Edwards Animation Thomas Qualmann Produktionsassistenz Shabnam Shabazi Produktion Franko B Koproduktion Theater im Pumpenhaus Münster Förderer ARTS Council England Foto Company Franko B

Nach der Aufführung am Fr, 7.11.:
Susanne Winnacker im Gespräch mit Franko B
Nach ihrer Promotion 1994 war Susanne Winnacker bis zum Jahr 2000 als Hochschulassistentin an der Goethe Universität Frankfurt am Main tätig. Danach war sie u.?a. Leitungsmitglied bei DasArts Amsterdam. 2004 übernahm sie die Gesamtleitung des Theaterfestivals Welt in Basel und war später stellvertretende Intendantin, Chefdramaturgin und Kuratorin für Tanz am Deutschen Nationaltheater Weimar. Aktuell leitet Susanne Winnacker die Hochschule für Musik und Theater in Rostock.


Mi 12. + Do 13.11.2014, 20 Uhr / Audioinstallation, Neufassung | 15,-€ / erm. 10,-€

„Gesellschaft/Company“ – Chaim Levano (Amsterdam)

Der Raum versinkt im Dunkeln. Eine Stimme hebt an. »Er sah das Licht der Welt an dem und dem Tag«. Zuschauer sind hier verloren. Gefragt sind Zuhörer. Bereit, sich in den Wortstrom fallen zu lassen. In Becketts spätem Prosatext Gesellschaft blickt ein Mensch auf sein Leben zurück. Sein Gedächtnis spricht zu ihm. Bringt Momente, Anekdoten, Aphorismen zurück: »Besser vergebliche Hoffnung als gar keine«. Der Niederländer Chaim Levano hat daraus ein Hörstück gemacht, das legendär geworden ist. Anfang der 90er für das Beckett-Fes­­tival in Den Haag entstanden. Schon bald darauf im Pumpenhaus zu sehen. Bis heute eine der maßgeblichen Beckett-Adaptionen. Dabei genügen dem Theatermacher einfachste Mittel. Ein paar Publikumspodeste. Eine Reihe im Raum verteilter Lautsprecher. Die eigene Stimme vom Band. Damit trifft der Regisseur den Autor Beckett ins Mark. In Gesellschaft geht es um die Entstehung von Welt durch Sprache. Der Niederländer macht daraus einen Theatervorgang. Mit nichts als Worten. Große Kunst! Levano, Jahrgang ’38, ist ja der bedeutendste Protagonist des holländischen Avantgarde-Theaters. Über Jahrzehnte Pionier. Schon früh hat er Randfiguren der experimentellen Kunst für sich entdeckt. Italienische Futuristen. Russische Oberiu-Gruppe um Daniil Charms und Alexander Wwedenski. Gertrude Stein. Kurt Schwitters. Hat ihre Texte mit ganz eigener Musikalität belebt. Radikaler als mit Beckett aber lässt sich das Leben nicht befragen. »Du bist«, heißt es am Ende, »wie eh und je allein«. Licht an. Das Theater hat uns die Augen geöffnet.

Inszenierung Chaim Levano, Fleur den Uyl Stimme Chaim Levano Ton/Licht Paul Bilars Übersetzung Elmar Tophoven Koproduktion Theater im Pumpenhaus Münster  Foto De Wassen Neus / For Fake’s Sake


Deutsche Erstaufführung
Sa 15. + So 16.11.2014, 20 Uhr / Theater | 20,-€ / 14,-€

„Iocasta“ – Attis Theatre (Athen)

Die griechische Tragödie? Im Theater oft eine Spielwiese für Einfallspinsel. Prometheus an der Tankstelle. Welche Wucht tatsächlich in den alten Geschichten steckt, beweist ein Künstler, der sein Ohr noch ganz nah an den Mythen hat. Theodoros Terzopoulos, Gründer des Attis Theatre aus Athen. Vom Pumpenhaus schon 1994 entdeckt. Längst in der ganzen Welt auf Tour. Was Peter Brooke für Shakespeare war, ist dieser Mann für Sophokles, Euripides und Aischylos. Ein Wiederentdecker. Erneuerer. Seelenzwilling. »Ich arbeite mit dem Körper, nicht mit Ideen«, sagt Terzopoulos nur. Tatsächlich lässt er die Körper so sprechen, dass die Worte wie Wogen über einen kommen. Seine Methode ist Rhythmus, Ritual, Reduzierung. Egal, ob er die Griechen inszeniert. Künstler wie Brecht, Beckett, Müller. Oder Zeitgenossen. Mit Iocasta von Jannis Kontraphouris bringt Terzopoulos einen Text auf die Bühne, der in mehrfacher Hinsicht existenziell wird. Der Autor hat ihn in der Klinik geschrieben. Schwer krank, den Tod schon vor Augen. Sein Wunsch: das Attis Theatre möge ihn inszenieren. Das Stück ist eine Überschreibung von Sophokles’ Tragödie König Ödipus. Verdichtet auf die Rolle der Mutter, Iocasta. Jene Unglückselige, die sich das Leben nimmt. Die wird von Sophia Hill gespielt. Prägende Darstellerin der Gruppe schon in Werken wie Der rasende Herakles oder Ajax. Mit Terzopoulos als Erzähler an der Seite performt sie einen berauschenden Countdown des Untergangs. Ein Theater der dunklen Poesie. Pure Kraft.

Mit Sophia Hill, Theodoros Terzopoulos Regie Theodoros Terzopoulos Licht Theodoros Terzopoulos, Kostas Bethanis Produktionsleitung Maria Vogiatzi Foto Johanna Weber

Nach der Aufführung am Sa,15.11.:
Frank M. Raddatz im Gespräch mit Theodoros Terzopoulos
Frank M. Raddatz promovierte über Heiner Müller und veröffentlichte zwei Gesprächsbände mit dem Dramatiker. Als Dramaturg arbeitete Raddatz u.?a. zusammen mit Dimiter Gotscheff, Einar Schleef, Tadashi Suzuki, Theodorus Terzopoulos und Jannis Kounellis. Er entwickelte und leitete verschiedene internationale Projekte u.?a. mit Rimini Protokoll und erhielt Lehraufträge an diversen deutschen und ausländischen Universitäten. Von 2007 bis 2014 war er Mitglied der Redaktionsleitung von Theater der Zeit bevor er im Mai 2014 zur europäischen Kulturzeitschrift Lettre International wechselte.


Deutsche Erstaufführung
Fr 21. + Sa 22.11.2014, 20 Uhr / Theater/Tanz | 20,-€ / 14,-€

„Much Dance“ – Jan Decorte (Brüssel)

In seiner Heimat genießt der Mann seit Jahrzehnten einen soliden Ruf als Theaterverwüster. Enfant Terrible. Genialer Narr. Fakt ist: der Belgier Jan Decorte zählt zu den Großen der flämischen Welle, die in den 80ern über die Theaterlandschaft kam. Und keinen Klassiker verstaubt zurückließ. Decorte hat damals Werke von Shakespeare oder Aischylos radikal entschlackt. Dass der Regisseur international nicht so bekannt wurde wie seine Mitwellenreiter Jan Fabre oder Jan Lauwers, liegt an gewissen schicksalhaften Wechselfällen seiner Biografie. Am fehlenden eisernen Vorhang, der die Aufführung seiner Hamletmaschine 1981 in Avignon verhinderte. Am psychischen Zusammenbruch, der später seine Nachdichtung der Orestie auf Eis legte. Schillernde Persönlichkeit ist Decorte (zwischendrin auch mal TV-Moderator und Parlamentsabgeordneter) dabei immer geblieben. Streitbarer Künstler sowieso. Entsprechend gespannt erwarten wir seine jüngste Produktion Much Dance! Das zweite Tanzstück seiner Karriere. Klar, Decorte hat schon mit Größen wie Anne Teresa De Keersmaeker zusammengearbeitet. Aber erst mit Tanzung (2010) ganz vom Text gelassen. Much Dance (wieder mit seiner langjährigen Muse und Ehefrau Sigrid Vinks) erzählt die außergewöhnliche Liebesgeschichte zweier Paare verschiedener Generationen. Was Decorte schon mal klarstellt: es wird keine trainierten Körper geben. Keine virtuose Tanzgrammatik. Stattdessen: Musik. Bilder. Anarchie der Bewegung. Und die stockende Schönheit des Scheiterns.

Mit Jan Decorte, Benny Claessens, Risto Kübar, Sigrid Vinks Regie/Text Jan Decorte Text/Licht Jan Decorte, Luc Schaltin Bühne Jan Decorte, Johan Daenen Kostüme Jan Decorte, Sigrid Vinks, Sofie D’Hoore Produktion Jan Decorte/ Bloet Koproduktion Theater im Pumpenhaus Münster, Münchner Kammerspiele, Kaaitheater Brüssel Foto Peter D’Huys

Nach der Aufführung am Fr, 21.11.:
Johan Reyniers im Gespräch mit Jan Decorte
Der belgische Multitheaterexperte Johan Reyniers begann seine Karriere als Dramaturg und Direktor der Institution für zeitgenössischen Tanz Klapstuk in Leuven. 1998 wurde er künstlerischer Leiter des legendären Kaaitheaters. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Haus zum Hotspot des zeitgenössischen Theaters. Künstler, die daraus hervorgingen sind u.?a. Boris Charmatz, Jérôme Bel, Emio Greco und Raimund Hoghe. Seit 2008 ist Johan Reyniers Chefredakteur von Etcetera, der Zeitschrift für aktuelle darstellende Künste.


So 23. 11.2014,  20.00 Uhr / Konzert ?| ?VVK 18,-€?/?AK 22,-€

HOWE GELB ?(Tucson)

Der Mann ist seit mehr als drei Jahrzehnten unterwegs und gilt als Wegbereiter und Legende des Americana-Rock aus der Wüste von Tucson, Arizona. Sein musikalischer Lebenslauf umfasst Desert-Folk, Alternative-Country, Indie-, Psych- und Roots-Rock, Gospel, traditionelle spanische Musik, Jazz und auch experimentelle Musik. Am bekanntesten ist sicherlich seine Band Giant Sand, aus der Anfang der 90er in Form seiner Mitmusiker Joey Burns und John Convertino Calexico entstand. Könner wie Neko Case, PJ Harvey, Richard Buckner, Vic Chesnutt, John Parish oder Scott Niblett zählen zu seinen Fans und waren allesamt auf Platten von ihm vertreten. Auch in seinem vierten Schaffensjahrzehnt zeigt der Mann aus Tucson keine Müdigkeitserscheinungen und scheint umtriebiger als jeh zuvor. Jetzt kehrt der Desert-Folk-Vorreiter und Visionär nach fast 10 Jahren Pumpenhaus-Abstinenz für ein exzellentes Solo zurück und präsentiert sein neues Album The Coincidentalist. Für diesen Gig lassen wir ihn extra einfliegen! Und Howe, der versierte Grenzgänger, macht das, was er am besten kann – Musik voller Seele. Von einer Bar am Rande der Wüste aus betrachtet. Unberechenbar, bis ins Mark.

Doors open: 19:00 Uhr

VVK: Jörgs CD Forum, WN-Ticket-Shop

KEINE RESERVIERUNGEN ÜBER DAS PUMPENHAUS! Ausschließlich Besitzer der Pumpenhaus-Karte haben die Möglichkeit, ihre Konzertkarte telefonisch unter 0251 -233443 über das Pumpenhaus zu reservieren!


Do 27., Sa 29. + So 30.11.2014, 19 Uhr / Theater | 30,-€ / erm. 20,-€

„Karamasow“ – Thorsten Lensing (Berlin/Münster)

Dieser Roman ist ein Moloch. Tausend Seiten voller ungelöster Menschheitsfragen. Es geht um drei Brüder. Ihren Vater. Um Kinder, Tiere, Liebe und einen Mord. Um den Glauben an Gott in einer gottlosen Welt. Um die Abgründe und Höhenflüge der Seele. Die Brüder Karamasow, das letzte und komplexeste Werk von Fjodor Dostojewski, ist ein unbeherrschbarer Brocken. Für die Bühne kaum zu bewältigen. Also der perfekte Stoff für Thorsten Lensing. Wo andere Regisseure ihre Vorlage zu kennen glauben, fängt bei ihm die Arbeit erst an. Und das kann bis zu drei Jahre dauern. Der eigensinnige Theatermacher – am Pumpenhaus groß geworden – sprengt die Strukturen des Stadttheaterbetriebs wie der freien Szene. Nicht, weil sein Künstler-Ego wütet. Sondern weil es sein muss. Lensing schiebt allen interpretatorischen Ballast beiseite und schafft so eine Konzentration auf das Spiel selbst. Die Darsteller agieren quasi an ungeschützter Front. Für Karamasow hat Lensing wieder ein Ensemble zum Niederknien gewonnen. Erprobte Mitstreiter wie Ursina Lardi und Devid Striesow darunter. Dazu Stars wie Sebastian Blomberg, André Jung, oder Ernst Stötzner. Bislang war noch jede Arbeit dieses mutigen und kompromisslosen Regisseurs ein Ereignis. Ob Shakespeares König Lear oder Tschechows Kirschgarten. Das gleiche verspricht seine Erkundung der »Karamasowschen Naturen«. Gemeint: Menschen, die die krassesten Gegensätze in sich vereinen. Der Dostojewski-Trip beginnt. Im Pumpenhaus schon eine Woche vor der offiziellen Premiere bei unseren Freunden von den Sophiensälen in Berlin.

Mit Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Horst Mendroch, Ernst Stötzner, Devid Striesow, Rik van Uffelen Regie Thorsten Lensing Textfassung Thorsten Lensing unter Mitarbeit von Dirk Pilz Bühne Johannes Schütz Kostüme Anette Guther Regieassistenz Benjamin Eggers Produktionsleitung Eva-Karen Tittmann Produktion Thorsten Lensing Koproduktion Theater im Pumpenhaus Münster, Sophien­saele Berlin, Kampnagel Hamburg, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Schauspiel Stuttgart, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste Dresden, TAK Theater Liechtenstein Förderer Hauptstadtkulturfonds Berlin, Stadt Münster Foto Arwed Messmer – lux fotografen

 

ZUSATZPROGRAMM:

Mi 05.11.2014, 20 Uhr / Lesung | 8,-€ / erm. 5,-€
„Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht.“
Berthold Seliger (Berlin)

Der Mann kennt sich aus. Er hat Größen wie Lou Reed oder Patti Smith die Bühnen bereitet. Geheimtipps wie Bonnie Prince Billy und Bratsch gefördert. Die Karrieren von Bands wie Calexico, Lambchop oder The Residents aufgebaut und beharrlich begleitet. Keine Behauptung also, wenn der Konzertveranstalter Berthold Seliger seine Abrechnung mit dem Musikgeschäft im Untertitel einen »Insiderbericht« nennt. Seliger stinkt so manches an seiner Branche. Vor allem der Umstand, dass ein paar wenige Global Player den gesamten Markt kontrollieren. Und das Publikum mit »kulturellem Einheitsbrei« füttern. Für ihn der Siegeszug des Neoliberalismus. Die Ausweitung der Kampfzone auf die Konzerte. Die sind in seinen Augen kaum mehr Live-Ereignisse. Sondern Lifestyle-Zugabe zum Konsum. Musik? Nichts als Geschäft. Sein Befund: »Die Branche spielt Monopoly«. Seliger beschreibt ein Profitdenken, dem sich alles unterzuordnen hat. Benennt, wie das Publikum beim Ticketkauf abgezockt wird. Und wie die Künstler um ihre Urheberrechte gebracht werden. Die große Pleite. Für Kreative und Fans. Dabei gab’s mal Zeiten, in denen Konzerte und Festivals nicht unter Sponsorenbannern und Flyermüll ertranken. Das alles beschreibt Seliger aus der Warte des Selfmade-Veranstalters. Bewehrt mit Fakten, Zitaten und Theoretikern von Adorno bis Žižek. Seine Lesung ist ein flammendes Plädoyer für die Konzertkultur. Gegen den Kommerz. Diskussionsstoff nicht nur für die Musik-Aficionados.