07.06.2010 – Johannes Wallat / Münstersche Zeitung: Apokalypse auf dem Aasee: Die Titanic sinkt

Pressespiegel

 

07.06.2010 – Johannes Wallat für die Münstersche Zeitung
Apokalypse auf dem Aasee: Die Titanic sinkt

Tausende Zuschauer 

Die Wiese rund um die Aaseekugeln ist kaum noch zu sehen. Wohin man auch schaut, überall sind Menschen. Sie alle wollen sehen, wie die Titanic untergeht. 

Manche haben sich Decken mitgebracht, ein bisschen Proviant, einen Grill, eine Flasche Wein. Andere sitzen einfach im Gras oder stehen, um besser sehen zu können – sehr zum Unmut der Zuschauer weiter hinten, die lautstark fordern: „Hinsetzen! Hinsetzen!“ Die Atmosphäre erinnert an die Fußball-Feiern zur EM und WM auf dem Ludgerikreisel, als tausende Fans den kollektiven Ausnahmezustand zelebrierten. Die WM beginnt zwar erst in einer Woche, aber heute Abend herrscht schon hier der Ausnahmezustand. Die Open-Air-Theatergruppe Titanick zeigt ihren Klassiker „Titanic“, das Ur-Stück des Ensembles. 20 Jahre nach der Erstaufführung und nach 220 Aufführungen auf vier Kontinenten legt das Ensemble aus Münster und Leipzig wieder an den Aaseekugeln an, dort, wo der glorreiche Siegeszug der Künstlergruppe begann. 

Darsteller auf Tretbooten 

Das Rondell vor den Stufen zum Aasee ist dafür die perfekte Bühne. Die Darsteller kommen auf Tretbooten, und am Ende spiegelt sich das prächtige Feuerwerk im ruhigen Wasser des Sees. Die tragische Geschichte des unsinkbaren Schiffs, das auf seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidiert und sinkt, wird in der Titanick-Inszenierung zu einer bizarren, bildgewaltigen Sinfonie aus Feuer und Wasser, aus Lärm und Effekten. Das ist schön anzuschauen, weil ständig irgendwo etwas passiert, eine Menge Dinge verbrannt oder unter Wasser gesetzt werden. 

Apokalypse auf dem Aasee 

Das Szenario ist apokalyptisch und düster, die Figuren sind skurril überzeichnet, grotesk und unförmig, über allem liegt ein Hauch von Wahnsinn. Wer möchte, kann auch eine Geschichte erkennen, eine Parabel über den Hochmut des Menschen und den blinden Glauben an Technik und Fortschritt um jeden Preis. 
Mit vereinten Kräften wird aus Schrott ein Schiff gebaut, der Triumph ist groß. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Während der arglose Kapitän mit seiner Geliebten noch ein dekadentes Dinner mit Spanferkel und Champagner genießt, dringt im Schiffsrumpf schon das Wasser ein. Mit vereinten Kräften versucht die Besatzung, die Katastrophe zu verhindern, doch natürlich ist es zu spät – der Traum vom Sieg der Technik über die Natur, er geht nicht in Erfüllung. Die Titanic geht mit großem Getöse unter, zerfällt wieder in ihre Bestandteile, wird wieder zu Schrott. Ein gewaltiges Spektakel.

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