07.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Darwin im Nebel

Pressespiegel

 

07.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Darwin im Nebel

Internationale Tanztage schließen mit der Elektropop-Oper „Tomorrow, in a Year“

Charles Darwin hat die Welt verändert, weil er herausgefunden hat, dass sie sich verändert. Vor 151 Jahren hat er mit seinem Buch über die Entstehung der Arten eine neue Weltsicht geschaffen. Die Elektropop-Oper „Tomorrow, in a Year“ hat sich dem Erforscher der Evolution genähert.

Es war ein spektakulärer Abschluss der Internationalen Tanztage in Münster, ohne Frage. Die Performance-Künstler, die sich 1985 rund um Kirsten Dehlholm unter dem Label „Hotel Pro Forma“ zusammengetan haben, zeigten am Samstagabend im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster eine fulminante Bühnenshow. Einziger Haken: Sie lebte mehr vom Effekt denn vom Inhalt. Es gab viel Nebel, Videoprojektionen, Worte aus Licht, Popmusik und Ariengesang, Tanz und Schauspiel. Ein aufwändiges Crossover-Kunstwerk, das alle Sinne angesprochen, aber sie nicht wirklich berührt hat. „Tomorrow, in a Year“ blieb kühl.
Eigentlich kann man niemandem einen Vorwurf machen: Das Lichtdesign ist überraschend, die Tänzer sind hochprofessionell, auch die Sänger verstehen ihren Job. Das minimalistische Bühnenbild überrascht mit außergewöhnlichen Veränderungen, der Musik-Crossover zwischen Oper und Elektropop funktioniert. Klingt alles gut. Auf dem Papier. Doch nach 80 Minuten bleibt ein schales, leeres Gefühl. Worte, Bilder, Licht und Musik plätschern derart belanglos und beliebig, ohne inneren Zusammenhalt dahin, dass man weder Darwin noch seinen Theorien, weder der Menschheit noch Zeit und Raum auf die Schliche kommt.
Die Inszenierung wirkt wie eine Aneinanderreihung nur grob sortierter Assoziationen zu Mensch, Zeit und Raum. Kritische Auseinandersetzung? Reflektion? Eher nicht. Bilder von Tauben werden auf einen Gazevorhang projiziert, ihre Umrisse mit grünem Licht nachgezeichnet. Töne werden elektronisch verzerrt. Es knarzt und pocht, es gackert und plätschert. Eine Kamera zoomt sich in eine Pflanze hinein bis zur Zelle.

Staksende Vögel

Die neun Akteure bewegen sich dazu scheinbar ziel- und orientierungslos über die Bühne, die Tänzer staken wie Vögel, Darwin selbst wirkt wie hinausgerissen aus der Zeit. Seine Bewegungen sind langsam, als befinde er sich unter Wasser. Jonathan Johansson singt seinen Part wie ein junger Morten Harket, der Sänger von a-ha: Das ist schön anzuhören, doch das Libretto reißt sofort wieder raus. Es hilft als Orientierung wenig, ist sperrig, bedient sich bei Darwins Forschungen: Es geht um Gesteine, Schnabelformen, transozeanische Hülsen und Kapseln.
Normalerweise spielt ein solch ambitioniertes, avantgardistisches Ensemble vor einer Hand voll Zuschauern. Doch hier war es rappelvoll. Und nicht nur das: So viel junges Publikum gab es in den Städtischen Bühnen bei einer Opernaufführung noch nie. Woran das lag? Wahrscheinlich, weil die Kultband The Knife die Musik geschrieben hat. Das Geschwisterduo Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer aus Schweden ist mit Indie-Elektro-Pop bekannt geworden, zu ihren Songs (Pass this on“, „Heartbeats“) wird eher in Clubs getanzt, als dass man sie in Konzertsälen hört. Hier passte sie jedenfalls perfekt zur Show. Und das Publikum liebte die Show. Es gab begeisterten Applaus, auch wenn Darwin im Nebel blieb.