04.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Vier Frauen und das Mantra

Pressespiegel

 

04.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Vier Frauen und das Mantra

Ein Klassiker auf der Bühne des Pumpenhauses. Bei den internationalen Tanztagen war „Rosas danst Rosas“ von Anne Teresa De Keersmaeker eingeladen. 100 Minuten pure Energie. Und eine Choreografie, die den Zuschauer körperlich berührte.

Ganz zum Schluss, wenn die Bühne nach über 100 anstrengenden Minuten dunkel ist, sieht man auf dem Boden Markierungen leuchten. Die Stützpunkte für vier Tänzerinnen in einem Stück, das streng strukturiert ist, doch im Kopf nicht Ordnung erzeugt, sondern taumelnd macht. „Rosas danst Rosas“ ist ein Klassiker des zeitgenössischen Tanztheaters. Im Jahr 1983 machte es Anne Teresa De Keersmaeker aus Brüssel mit ihrer neu gegründeten Kompagnie namens Rosas schlagartig bekannt. Für die Internationalen Tanztage holte es Ludger Schnieder am Mittwochabend in sein Theater im Pumpenhaus nach Münster. Ein Stück, das heute noch fasziniert durch seine gewaltige Energie – und verstört durch seine extreme Sprache. Hier wird die Wiederholung und die Synchronität als ästhetisches Prinzip gefeiert – und bis zum Martyrium getrieben. Hässliche Halbschuhe Vier Frauen (Sandra Ortega, Tale Dolven, Elizaveta Penkova, Sue-Yeon Youn) tanzen. Alle sind gleich angezogen: Kleidchen, Pulli, Strumpfhose, hässliche Halbschuhe. Und sie alle führen simultan immer gleiche Bewegungen aus. Das klingt bestenfalls langweilig, eigentlich eher nervtötend. Doch es stellt sich nach einiger Zeit ein befremdlicher Effekt ein: Die Wiederholung zieht in den Bann, nimmt gefangen wie ein Mantra. Man schaut zu wie im Rausch. Anfangs wälzen sich die Frauen stöhnend auf dem Boden, wie in einem unruhigen, albtraumhaftem Schlaf, aus dem sie immer wieder hochschrecken. Dann löst sich eine von ihnen, wechselt die Position, die anderen folgen ihr nach. Dann bewegen sie sich auf Stühlen, die sie in Reih und Glied aufgestellt haben, drehen und strecken sich. Dazu stampft und dröhnt jetzt Musik (Thierry De Mey und Peter Vermeersch). Die Frauen scheinen Maschinen geworden, gefangen in der Uniformität. 

Hand durchs Haar 

Die längste Sequenz ist ein beständiges Wandern durch den Raum mit Haltepunkten, die von Licht und Tonhöhe bestimmt werden. Die Frauen fahren sich durchs Haar, ziehen das schlabberige Shirt halb frivol, halb gelangweilt von den mageren Schultern und wieder zurück. Das alles wäre nicht sonderlich aufregend, wenn es da nicht noch diese Blicke gäbe. Besonders in der Stuhlszene. Das aufreizende Lächeln, das liebevolle Nicken der Frauen, um sich abzustimmen. Man liest allzu gerne daraus einen individuellen Code, der die Gleichförmigkeit durchbrechen soll. Durch diese kleinen „Fehler“, diese kleinen emotionalen Gesten, blitzt plötzlich die Persönlichkeit, das Individuum hervor. Und je länger man zusieht, desto eher entdeckt man diese kleinen Unterschiede. Aber vielleicht wünscht man sich auch nur, sie zu entdecken. Weil es ohne sie nur schwer auszuhalten wäre. An diesem Abend. Und im Leben.