04.06.2010 – Esther Georg / Westfälischen Nachrichten: Die Inszenierung einer Inszenierung

Pressespiegel

 

04.06.2010 – Esther Georg für die Westfälischen Nachrichten
Die Inszenierung einer Inszenierung

Die Bühne ist leer. Keine Kulisse, keine Requisiten, keine Musik. Dann stolzieren sie herein, die drei. Sie tragen coole Sonnenbrillen, ein Sektglas, einen geschniegelten beigen Anzug, dazu klobige Ketten. Sie posieren vor dem Publikum, ziehen ihre Unterhosen bis über den Bauchnabel, besprühen sich mit Parfum, schmecken ihre Schuhsohlen ab. 
Ihr großspuriges Getue erntet kräftiges Gelächter. Wer sind sie? Die Gruppe nennt sich „La Jet-Set“ und setzt sich aus jungen, in Paris lebenden Künstlern von der Elfenbeinküste zusammen. Sie agieren in den Pariser Nachtclubs, wo sie auffallen wollen. Protzen – das ist ihre Strategie. Auch im Pumpenhaus, wo die Produktion „Betrügen“ am Donnerstag zu Gast war. Das Spiel auf der Bühne ist Inszenierung – und Selbstinszenierung. Es geht um die Demonstration von Macht, Reichtum und Einfluss am Rande des Niedergangs. Der Zuschauer wird förmlich an der Nase herumgeführt. Was ist hier echt, was ist gespielt, wer hat welche Rolle? Die Jet-Sets behaupten für sich Rollen, „an die man niemals ran kommt“. 
Präsidenten, Botschafter und Banker: Sie trinken Champagner aus Schuhen, seifen sich damit die Haare ein, rauchen Riesenzigarren, tragen Prada und Gucci. Das Publikum wird mit Geldscheinen, Anzugjacke und Sekt beregnet und „darf“ dabei selbst Champagner aus einem Schuh trinken. So wird das Publikum in den Bann des Stückes gezogen, das keines ist. 
Denn hinter den Kulissen spielt sich die echte Welt ab. Mit dem Stück haben Monika Gintersdorf und Knut Klaßen die Inszenierung einer Inszenierung verwirklicht. Das verraten bereits die Namen, die immer wieder hervor gehoben werden. Douk Saga, der „président scénario“, ein Präsident der Szene, ein inszenierter Präsident, der 2006 ein Staatsbegräbnis an der Elfenbeinküste erhielt, wird begleitet von Boro Sanguy, dem „Geldgewitter“, Lino Versace und Solo Béton, abwechselnd von DJ Meko und Franck Edmond Yao verkörpert. Künstlernamen, die für das Tanzkonzept „Coupé Décaler“ stehen, dessen Name Programm ist. Es geht ums Betrügen, Bluffen, einen Schnitt machen. Arbeiten verstehen die „Jet-Sets“ als Geld ausgeben und eintreiben, mit welchen Mitteln auch immer. Auch die Zuschauer werden ermuntert, Geld zu geben. 
Die spärliche Bühne spricht Bände. Hinter dem Gehabe tut sich eine Leere auf, die selbst mit Tanz, Geschrei und Glamour nicht gefüllt werden kann. Tosender Beifall für ein nachdenklich stimmendes Stück, das Politisches mit Kunst verbindet, in dem Wirklichkeit und Spiel verschwimmen.