01.06.2010 – Klaus Baumeister / Westfälischen Nachrichten: Sag mir, wo die Politiker sind?

Pressespiegel

 

01.06.2010 – Klaus Baumeister für die Westfälischen Nachrichten
Sag mir, wo die Politiker sind?

Lehrstunde über die „aufgeklärte Zuversicht“ im Rathaus / SPD und Grüne sehr interessiert

Ratsmitglieder der CDU, der FDP sowie der Linken wurden am Sonntagabend beim Theaterstück „Anthology of Optimism“ nicht gesichtet. Von der SPD kamen Robert von Olberg und Philipp Gabriel, von den Grünen waren präsent Stephan Hense, Tim Rohleder, Anne Naegels und Dr. Ludwig Schipmann.

Diese Information wäre bei einer Kulturveranstaltung eigentlich nicht der Rede wert gewesen, aber in diesem Fall ist sie es. Denn die Optimismus-Anthologie im Rahmen des Pumpenhaus-Festivals Statements kennzeichnete eine doppelte Besonderheit: Zum einen hatte der Pumpenhaus-Chef Ludger Schnieder höchstpersönlich 19 Freikarten an die Fraktionen verteilt, und zwar exakt nach der Sitzverteilung in den großen Ausschüssen: Sieben Mal CDU, fünf Mal SPD, vier Mal Grüne, zwei Mal FDP und ein Mal Linke. Zum anderen fand die Veranstaltung im Hauptausschusszimmer des Rathauses statt. Also dort, wo ansonsten nahezu täglich die politischen Gremien tagen.

 

80 Minuten referierten hier die beiden Schauspieler Pieter De Buysser (Brüssel) und Jacob Wren (Montreal) über den Optimismus im Allgemeinen – und speziell natürlich über die Frage, was den Optimismus vom Pessimismus unterschiedet. Bei minimalem Aufwand in dem ohnehin nüchtern gehaltenen Sitzungssaal erzielten beide Künstler eine maximale Aussage – nämlich die, dass eine klare Definition schwer zu finden ist. Ist das Wasserglas nun halb voll oder halb leer?

Minutenlang etwa rief De Buysser dem hoch konzentrierten Publikum zu: „Ich glaube, ich glaube, ich glaube . . .“ Dann kam die Ernüchterung: „ . . . an nichts.“

Auch eine Maschine, die per Knopfdruck Konfetti regnen ließ, brachte nicht die erhoffte Wirkung, so dass Jacob Wren schließlich das Publikum befragte – und auch eine Antwort bekam: „Vielleicht sind sie ein Pessimist.“

Zumindest die Wahl (die Betonung lag auf dem Wort „Wahl“) von Barack Obama wollte De Buysser unbedingt als Erfolg der „aufgeklärten Zuversicht“ für sich verbuchen. Wren hielt dem als „Held“ den Kolumbianer Antanas Mockus entgegen. Antanas Mockus? Bei Wikipedia steht, dass sich der Philosoph 2004 um die Präsidentschaftswahlen 2006 bewarb: „Den ungewöhnlich frühen Zeitpunkt dieser Bekanntgabe begründete er damit, dass man den Weg genauso genießen solle wie das Ziel.“

Am Ende bleibt trotzdem die Frage, warum von 19 Freikarten nur sechs von den Ratsmitgliedern genutzt wurden? Zu banal? Zu wenig Zeit? Zu schlechte Erinnerungen an das Hauptausschusszimmer? Oder war die Abstinenz gar eine überzeugende Demon­stration gegen die Unsitte der Politiker-Freikarten?

Ach übrigens: Die Schauspieler sprachen ihre Texte in englischer Sprache. Aber bitte jetzt keine falschen Schlussfolgerungen . . .