01.06.2010 – Marieluise Jeitschko / theater pur: „Das Publikum für seine Lieblinge erwärmen“

Pressespiegel

 

01.06.2010 – Marieluise Jeitschko in theater pur
„Das Publikum für seine Lieblinge erwärmen“

25 Jahre Theater im Pumpenhaus Münster mit „Statements“

Wenn Samir Akika kommt, gehts laut, schrill und garantiert auch fröhlich zu. Wenn Raimund Hoghe eine neue Choreografie aufführt, wird es ganz leise. Wenn das Theater Titanick probt, türmen sich Gestänge und Baldachine, Kostüme, Kothurne und Masken – künstlerisch kreatives Chaos bricht aus. Wenn Pitt Hartmann im Keller den schrulligen berliner Transvestiten „W.W. Hiller“ mimt, sitzen alle bei ihr/ihm um eine festlich gedeckte Tafel, kichern und schmunzeln wehmütig.

Wenn das Folkwang-Studio oder Anna Teresa De Keersmaekers Rosas angekündigt sind, stehen die Leute Schlange. Olga Pona hat eine treue Fangemeinde und die jungen Laien von „Cactus Junges Theater“ eine große Anhängerschaft. Als Sasha Waltz, Helena Waldmann, Dumb Type aus Kyoto und Victoria aus Belgien hier zum ersten Mal auftraten, waren sie noch ebenso unbekannt wie Regisseur Thorsten Lensing, der im „Pumpenhaus“ seine Theaterlaufbahn begann. In diesen Wochen bringt er wieder Stars wie Ursina Lardi (die gerade die „Goldene Palme“ gewann) und Devid Striesow (berühmt durch seine Mitwirkung im oscarprämierten Film „Die Fälscher“) mit. Denn jetzt wird gefeiert und geklotzt statt gekleckert – mit dem größten Theater-Festival, das Münster bisher sah. Und das in einem der allerkleinsten Theaterhäuser in NRW, dem „Theater im Pumpenhaus“, Westfalens heimlichem „kleinen Tanzhaus“, wo jährlich rund 105 Vorstellungen über die Bühne gehen, je ein Drittel Tanz- und Theatergastspiele sowie rund 35 lokale Produktionen. In dem urigen 100-jährigen Backsteinbau pulste einst das Pumpenwerk für Münsters Abwasseranlage. Seit 25 Jahren ist es Theater, inzwischen ohne festes Ensemble, sondern überaus erfolgreiches, unabhängiges Produktions- und und Aufführungszentrum in städtischer Hoheit.

„Statements. Das Festival. Der Tanz. Das Theater. 25 Jahre Theater im Pumpenhaus“ steht unten auf der Vorderseite der Programmzettel. Eingeladen hat der rührige Geschäftsführer des unabhängigen münsterschen Produktions- und Aufführungszentrums, Ludger Schnieder, ausschließlich Künstler und Produktionen, „die ich persönlich mag“. Zum Glück für Münster: Der Globetrotter und passionierte Kulturmanager „mag“ nur oberste Liga. 

Der gebürtige Lüdinghausener studierte in Münster Publizistik, Germanistik und Soziologie , bereiste die Welt von New York bis Tokyo, gründete die Jugendtheatergruppe „Säge“ (Selm/Dortmund), betreute Produktionen der Ruhrfestspiele, sprach im WDR und filmte. Höhepunkt seiner Schauspielkarriere war die Hauptrolle in Adolf Winkelmanns Film „Die Abfahrer“, der 1979 den Bundesfilmpreis bekam. 1985 schloss sich Schnieder der Theaterinitiative Münter (TIM) an, Keimzelle des Theaters im Pumpenhaus, und entdeckte sein organisatorisches Talent. Inzwischen ist das hauseigene Ensemble aufgelöst, aber Schnieder zum international geschätzten Kulturmanager avanciert. Regelmäßig wird der dynamische, unkomplizierte Theatermacher europaweit als Juror und Kurator eingeladen, nimmt in Japan und in den USA Beratertätigkeiten für Tanzproduktionen wahr. In NRW gehört er dem Vorstand des Landesverbandes Freie Darstellende Künste und der Tanzproduzenten-Konferenz an.

Den Tanz entdeckte Schnieder Mitter der 80er Jahre. „Damals tat siach im Theater nicht viel“, erläutert er, „wohl aber im Tanz“. Kleinformatige Experimente und Avantgarde ziehen ihn an, eignen sie sich doch besonders für die herbe Intimität des 100-jährigen, einstigen Abwasserpumpwerks. Sein hochkarätiges Programm kann er durch die Zusammenarbeit mit anderen Koproduktionsstätten verwirklichen, etwa den Berliner Sophiensälen, dem Tanzhaus NRW (Düsseldorf), Pact Zollverein (Essen), Kampnagelfabrik (Hamburg) und Mousonturm (Frankfurt). Auch mit Münsters Städtischen Bühnen arbeitet er zusammen, vor allem bei Festivals wie jetzt gerade den internationalen Tanztagen (bis 5. Juni).

Pünktlich zum Silberjubiläum stockte die Landesregierung ihren Zuschuss zum Pumpenhaus-Etat um 80 000 Euro pro Jahr für drei Jahre auf – jeweils zur Hälfte für die Sparten Theater und Tanz zu verwenden. Davon kann Schnieder auf lokaler Ebene Gruppen mit der Anmietung eines weiteren externen Proberaums fördern. Außerdem hofft er auf Verbesserung in der technik, um die mageren zweieinhalb Personalstellen zu entlasten.  Schnieders „Statement“ einer Zukunftsperspektive: „Die nächsten 25 Jahre können nur so erfolgreich werden wie die ersten, wenn es Leute gibt, die daran glauben, die Künstler lieben und die das Publikum von ihren Lieblingen überzeugen können.