31.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Von strenger Gestalt

Pressespiegel

 

31.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Von strenger Gestalt

Drei Tänzerinnen geben Einblick in fernöstliche Tanztheaterszene

Berauscht durch die Begegnung mit drei sehr unterschiedlichen Protagonistinnen des asiatischen Tanztheaters verließen die Zuschauer am Samstagabend das „Pumpenhaus“-Theater. Berichte über vorherige einmalige Aufführungen innerhalb der „Internationalen Tanztage Münster“ hatten das Interesse regelrecht explodieren lassen. Was in Asien als unmöglich gilt, konnte durch die Einladung nach Münster erstmals verwirklicht werden: Ein Aufeinandertreffen von namhaften Künstlerinnen aus Japan und Korea in einer Veranstaltung. Gleichzeitig eine Berührung zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen in sich ruhenden Bewegungsabläufen. Wie etwa bei der faszinierenden Interpretation von Ravels Bolero durch die Koreanerin Kim Sun-mi oder den Regeln missachtenden Ausdrucksformen einer jungen wilden Performancekunst wie bei Yoko Higashino aus Tokio. Eine dritte Variante präsentierte die Japanerin Setsuko Yamada mit „Wearing Rose Pink“, das sich mit formaler Strenge an intellektuellen Einflüssen aus Kunst und Literatur orientierte. Das Publikum erlebte den seltenen Glücksfall, einen repräsentativen Einblick in die fernöstliche Tanztheaterszene zu erhalten. Industrialisierung und globale Märkte haben die Gegensätze zwischen fernöstlichen und westlichen Zivilisationen längst verwischen lassen. Dafür gibt es deutliche Unterschiede bei der Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft. Das sollte bedenken, wer eine Performance wie „E/G: Ego Geometria“ der japanischen Tänzerin Yoko Higashino und des Musikers Toshio Kajiwara einordnen will. Ein Mann sitzt stumm, mit einer Tüte auf dem Kopf und somit blind, auf einem Stuhl. Die Geräuschkulisse simuliert die Fahrt in einem überfüllten Nachtzug. Schlafwandlerisch stakst eine junge Frau durch die Szenerie, Bluse und Rock wirken brav, bedrohlich wie eine Waffe ihre hochhackigen Stiefeletten. Garderobenwechsel auf offener Bühne: enge Boxershorts (Hipster), auf dem grauen T-Shirt das aufgedruckte Wortspiel „Die Hipster Scum“ als Ausdruck von Rebellion. Die eben noch Schicksals-Ergebene fängt an sich zu wehren. Doch die Bemühungen enden bedauernswert. Ein Mikrofonständer wird vom dominanten Mann willkürlich hoch gezogen. So bleibt für die Frau das Mikrofon als Sprachrohr in die Welt unerreichbar. Der Tanz wird zu einem hilflosen Zappeln. Unbedingt erwähnen muss man die Leistung von Volker Sippel, dem es gelang, das in Asien konzipierte und für die Dramaturgie unerlässliche Lichtdesign kongenial auf die Bühne zu bringen.