31.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Bolero auf Koreanisch

Pressespiegel

 

31.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Bolero auf Koreanisch

Tanz: Verblüffende Choreografien aus Asien

In ihrem abgetragenen grauen Regenmantel irrt sie durch die Großstadt. Der rechte Ärmel hängt leer herab, ein Bein zieht sie mühsam nach. Der Eindruck eines Kriegsverletzten drängt sich auf, ausgespuckt von der letzten großen Schlacht und allein gelassen von einer Gesellschaft, die möglichst schnell vergessen will. So düster beginnt „Wearing Rose Pink“, eine ebenso sensible wie strenge Choreografie, die Setsuko Yamada in Münsters Pumpenhaus vorstellte.

Verwandlungen

Die Japanerin gehört in ihrer Heimat zu den führenden Butoh-Tänzerinnen und verbindet traditionelle östliche Formen mit modernen westlichen Ausdrucksmustern. Und sie schafft es, widersprüchliche Stimmungen in Einklang zu bringen. Kaum sind die Großstadtgeräusche verstummt, zieht sie ihren Mantel und die klobigen Schuhe aus – und zum Vorschein kommt eine elegante junge Frau im roten Kleid, die das Leben noch vor sich hat. 
Leichtfertig bewegt sie sich jetzt durch den in ein freundliches gelbes Licht getauchten Raum, legt sich auf den Rücken und beginnt, begleitet von Klaviermusik, ein Spiel mit ihren Füßen, das sich immer mehr verselbstständigt und die Tänzerin schließlich wieder in das geschäftige Treiben des Tages hineinzieht. Ein ebenso schöner wie fremdartig anmutender Spuk, den das Publikum mit reichlich Beifall belohnt.
Und noch zwei weitere Europapremieren standen am Samstag auf dem Pumpenhaus-Programm. Den Auftakt machte Yoko Higashino aus Tokio mit „E/G: Ego Metria“. Das knapp 20-minütige Stück ist eine bizarre Odysee durch eine Postmoderne Großstadtwelt, durch die die Tänzerin auf bedenklich hohen Absätzen stolpert und sich dabei zeitweise wie eine Marionette bewegt. Nach einer kurzen humoristischen Einlage, bei der ihr Partner das Mikrofon immer höher schraubt, sodass sie ihre Botschaft hüpfend verkünden muss, entdeckt sie einen roten Faden. In den sie sich aber hoffnungslos verheddert, statt das er ihr die Richtung weisen würde.
Aus Seoul kommt Kim Sunmi. Sie hat sich Ravels „Bolero“ vorgenommen und gewinnt dieser unaufhaltsam vorantreibenden Musik überraschend Spielerisches ab. Streckenweise gestaltet sich ihr Tanz übermütig wie ein Reigen junger Mädchen. Obwohl er damit in deutlichem Widerspruch zum forcierten Temperament der Musik steht, wirkt er am Ende doch vollkommen stimmig. Möglicherweise ist es das Verschmelzen unterschiedlicher Kulturen, das dieses kleine Wunder vollbringt.