28.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Freiheit zwischen Fesseln

Pressespiegel

 

28.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Freiheit zwischen Fesseln

Der Traum vom Fliegen: Eine Tänzerin hängt mit ausgebreiteten Armen hoch oben unter Fallschirmseide und genießt für wenige Augenblicke ihre Freiheit. Wie ein Lenkdrache wird sie von ihrer Gespielin gesteuert und an der langen Leine gehalten. Nur noch wenige Momente, dann stürzt sie ab.

Es ist dies eine der zentralen Szenen in Helena Waldmanns Tanzstück „BurkaBondage“, das im Rahmen der Internationalen Tanztage Münster im Pumpenhaus zu sehen war. Die sexuell konnotierte Fessel – in der japanischen Tradition das Bondage, im Muslimischen die Burka – beschwört in erzwungener Abhängigkeit eine Sehnsucht nach Entgrenzung, wenn es sein muss, mit Gewalt.
Die Berliner Choreografin, die Theatererfahrungen unter anderem bei Heiner Müller, George Tabori und Gerhard Bohner sammelte, hat sich in der Vergangenheit bereits mehrfach mit der Situation von Frauen in muslimischen Gesellschaften auseinandergesetzt. Auch hier macht sie es sich nicht einfach.

Vielmehr beschwört sie bei aller Unterdrückung, die mal lustvoll, mal brutal zum Ausdruck kommt, leise emotionale Nähe herauf. Bondage und Burka können bei Helena Waldmann, die das Stück gemeinsam mit der afghanischen Künstlerin Monireh Hashemi entwickelt hat, nicht nur qualvolle Tradition, sondern auch erotische Hingabe oder gar Schutz bedeuten.

Dominierend allerdings sind Gewalterfahrungen in einer gesellschaftlichen Realität, die hin- und hergerissen ist zwischen Tradition und Moderne. Die Tänzerinnen Yui Kawaguchi und Vania Rovisco zwingen einander Fesseln auf, vergewaltigen, schlagen umarmen sich in starken Szenen. Verwirrend, wie ästhetisch und brutal es gleichzeitig sein kann, wenn Yui Kawaguchi zu Mohammad Reza Mortazavis peitschender Trommel-Percussion, weit zurückgelehnt, zum Schlag ausholt.

Und faszinierend ist das wandelbare, aus Fesseln bestehende Bühnenbild von Jochen Sauer, wenn es gleichzeitig als Plattform für den Musiker wie auch den Tänzerinnen als Boxring dient, und noch als Leinwand bereit steht für Acci Babas ausdrucksstarke Video-Animation. Dazu die bühnenbreite Fallschirmseide, in die versteckt und eingewickelt wird, von einer, die am Schluss gefesselt und verwundet, mit pfeifendem Atem über die Bühne wankt. Ein beklemmend zeitgemäßes Stück.