28.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: „BurkaBondage“ fesselt

Pressespiegel

 

28.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
„BurkaBondage“ fesselt

Die beiden Frauen betreten die Bühne unfrei. Yui Kawaguchi ist in einen Kimono geschnürt. Vania Rovisco ist komplett unter einer knallroten Burka versteckt. Doch vielleicht sind die beiden in der kommenden Stunde nie mehr so frei wie in dieser Eingangsszene von Helena Waldmanns Tanzstück „BurkaBondage“.
Den Körper mit einer Burka komplett verschleiert, erlangt eine Frau Freiheit. Ebenso, wenn sie nach der japanischen Fesseltechnik Bondage zu einem Paket verschnürt wird, kein Glied mehr regen kann und vor sexueller Lust schreit. Zu solchen Thesen ringt sich Helena Waldmann in ihrer schon im Titel provozierenden Tanzproduktion nicht wirklich durch. Aber sie nähert sich ihnen an, stellt unbequeme Fragen und liest in den Werkzeugen der Beschneidung und Unterdrückung unübliche Geschichten. Im vergangenen Herbst feierte die Choreografie Uraufführung bei den Berliner Festspielen, am Mittwoch war sie bei den Internationalen Tanztagen im Pumpenhaus in Münster zu Gast. Das Publikum war angetan.

Trommeln der Freiheit

Etwa in der Mitte der Bühne schwebt an robusten Gummistrippen ein Kasten, der mit elastischen Bändern bandagiert ist. Er wird als Projektionsfläche für die flackernden Videoanimationen von Acci Baba benutzt, ist aber eigentlich das Herz von Waldmanns brennender Suche zwischen Fesseln und Freiheit. Tatsächlich hüpft und pulsiert er, wenn die beiden Tänzerinnen ihre Körper verzweifelt durch die Bänder in die Freiheit schieben wollen, und Trommelschläge – laut wie Pistolenschüsse – sie wieder zurückreißen. Denn in dem Kasten sitzt, nur schemenhaft erkennbar, der begnadete Trommler Mohammad Reza Mortazavi. Sein Takt folgt sacht dem Erspüren von Grenzen – oder entzündet Seelenbrände. Er umschmeichelt die Körper der Tänzerinnen mit zartestem Pianissimo. Oder peitscht sie hart zu schmerzvollster, orgiastischer Lust.

Wünsche der Jugend

Der Produktion voraus gingen Reisen Helena Waldmanns nach Japan und Afghanistan. Trotz unterschiedlicher Kulturen, schreibt sie in einem Aufsatz über ihr Stück, fand sie bei den jungen Leuten beider Länder die gleichen Sehnsüchte. Da war der Wunsch nach Freiheit, die Suche nach Halt und das Gebundensein an feste Traditionen. Wie Drachen wollten die jungen Generationen sein. Hoch in den Lüften und doch in fester Hand.

Der Drache fliegt

Dieses poetische Bild findet sich auch auf der Bühne wieder. Die zierliche Yui Kawaguchi hängt unter der Decke. Die weiße, zerschlissene Fallschirmseide, die den Bühnenboden zuvor bedeckte, hat sie jetzt wie Drachenflügel ausgebreitet, gelenkt wird sie von Vania Rovisco. Man möchte mitfliegen mit ihr, so glückselig ist ihr Lächeln der Lüfte. Doch Rovisco holt sie aus dem Himmel herunter, lässt sie so weit abstürzen, dass sie nicht nur Halt, sondern auch ihr Gesicht verliert. Und dann bindet Kawaguchi den Körper von Rovisco mit geschickter Knotentechnik. Ein Bein vom Seil strikt nach hinten gezogen, über dem Boden pendelnd, füllt sich nun auch Roviscos Gesicht mit lustvollem Glück.

In immer stärkeren Gesten von Hingabe und Unterdrückung, von devotem und dominantem Verhalten, kreisen die beiden Frauen umeinander, demütigen sich, betteln um Zärtlichkeit, erniedrigen sich, kosten ihre Macht aus. Kawaguchi penetriert Roviscos Mund mit der Faust. Rovisco spuckt Kawaguchi an. Radikal gehen sie über ihre Grenzen, schenken dem Stück durch ihre extreme Körperlichkeit und ihre enorme Ausstrahlung noch mehr Energie und Strahlkraft.

Blutrote Lippen

Wenn Rovisco sich, eng geschnürt in korsettartige Verbände, die Lippen blutrot schminkt und sich in grotesk hohe Plastikplateaustiefel zwängt, wird sie zum geschundenen Tier. Im Takt ihrer hochfrequenten, schmerzverzerrten Wimmerlaute wickelt sie mit letzter Kraft Kawaguchi in die Fallschirmseide ein. Zentimeter für Zentimeter drehen sich die Tänzerinnen in die Unbeweglichkeit. Die Trommel dagegen explodiert und rast wie im letzten Rausch. Danach ist man der Frage, was Freiheit ist, ein Stückchen näher.