25.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Sinnliche Andacht

Pressespiegel

 

25.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Sinnliche Andacht

José Navas präsentierte seine Miniaturen im Pumpenhaus

Karg. Wie ein Teller voll Wasser. Pompös. Wie ein schweres Parfum. Meditativ. Wie eine Andacht. Verführerisch. Wie eine heimliche Geliebte. Verspielt. Wie ein Kind im hohen Gras. Von erotischer Spannung wie ein Streifzug durchs Rotlichtviertel.

In neun Bildern verzauberte der Choreograf und Tänzer José Navas Bühne und Publikum im Pumpenhaus. Dazu benötigte er gerade einmal sechzig Minuten. Diese Stunde aber war reich angefüllt mit der Magie, die sich ergab aus dem Spannungsfeld zwischen dem Nichts und dem Überschwang, der reinen Körperlichkeit und der getanzten Dramaturgie.

Es wehte ein Hauch von großer Welt durchs Pumpenhaus, deren umtriebiger Leiter Ludger Schnieder es geschafft hatte, für den Auftakt der „Internationalen Tanztage Münster einen der namhaften Vertreter des internationalen Tanztheaters nach Münster zu holen. José Navas ist künstlerischer Leiter der in Montreal beheimateten „Compagnie Flak“, die bekannt ist für extravagantes Tanztheater, das auch im Pina-Bausch-verwöhnten Deutschland immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. In deutscher Erstaufführung präsentierte José Navas am Sonntagabend sein Soloprogramm „Miniatures“. Die Collage erwies sich als durchgängige Inszenierung, die sich vor dem Zuschauer nur im Zusammenhang in voller Schönheit entfaltet. Die gut einhundert Gäste finden als Bühne lediglich einen etwa achtzig Quadratmeter großen Tanzboden aus Kunststoff. Im Hintergrund auf einem Stuhl zwischen den beiden schwarzen Vorhanghälften sitzt José Navas. Er lässt das Ritual des Platzeinnehmens sichtbar auf sich wirken, dehnt Armmuskeln und Hände, konzentriert sich. Aus den Lautsprechern tönen Chansons von Marlene Dietrich. Das Licht wird leiser, die Musik wird zu Bach, in schwarzer Hose und weißem Hemd liegt der Tänzer auf dem Boden. Für die gesamte Länge des Präludiums Nr.1 aus „Das Wohltemperierte Klavier“. Aus der Meditation wird Tanz. Aus der Selbsthypnose wird Massenhypnose, ausgerichtet auf die Sinne. Die Bewegungen erinnern an zirzensische Darbietungen von Schlangenmenschen. Voller Energie sich windend und kreisend, dabei in der Harmonie verbleibend eines getanzten Yin und Yang.