21.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Nackter Gott gegen strenge Bankerin

Pressespiegel

 

21.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Nackter Gott gegen strenge Bankerin

Theater: Jan Decortes moderner Euripides

Mit unbewegtem Gesichtsausdruck nehmen sie Aufstellung. Ein kurzer Blick zur Verständigung, dann legen sie los. Mit einem Tanz, der an Indianer auf dem Kriegspfad ebenso erinnert wie an Fans bei einem Punk-Konzert.
Es ist er Öeu-Tanz, den das Ensemble hier zum Besten gibt. Fünfmal wird er stumm, ohne Musik dafür aber mit großem körperlichen Einsatz getanzt. Und jedes Mal bildet er einen erfrischend komischen Kontrapunkt zu der sonst eher tragischen Geschichte, die das Ensemble Bloet mit „Bakchai“ auf die Bühne des Pumpenhauses brachte.

Flämische Griechen

Der flämische Theater-Avantgardist Jan Decorte hat „Die Bakchen“ von Euripides auf eine Stunde Spielzeit und vier Darsteller verdichtet. Und er lässt in Flämisch spielen, was aber kein so großes Unglück ist. Zum einen bekommt das Publikum einen Zettel, auf dem Handlungsstruktur und wichtige Textpassagen grob skizziert sind, zum anderen agieren die Schauspieler derart ausdrucksstark, dass man nicht unbedingt jedes Wort verstehen muss.
Im Prinzip ist es die Geschichte einer Revolte gegen den Staat und die von ihm proklamierte Ordnung. Sigrid Vinks als Agaune bedient auf ironische Weise klassische Bewegungsmuster, wenn sie berichtet, wie Thebens Frauen rauschhafte Feste feiern und sich den Befehlen ihres Herrschers Pentheus widersetzen. Dieser wird von Sara de Bosschere als selbstbewusste Frau im Business-Anzug gespielt, die man sich auch hinter einem Bankschalter vorstellen könnte, wenn sie nicht immer so ausfallend würde. Jan Decorte in einer Doppelrolle als alter König und blinder Seher Theiresias rezitiert seinen Text direkt vom Blatt und grölt zwischendurch wie ein betrunkener Fußballfan.
Von Benny Claessens als Dionysos sieht man zunächst nur die Beine hinter einem Wandschirm. Umso fulminanter gestaltet sich dann sein Auftritt, wenn er anzüglich tänzelnd und mit mächtiger Leibesfülle die Bühne erobert, die aus unerfindlichen Gründen mit einem lebensgroßen Zebra bestückt ist. Sein Disput mit Pentheus gehört zu den Höhepunkten der Inszenierung – hier der Gott des Rausches in seiner sinnlich-archaischen Nacktheit, dort der auf Recht und Ordnung pochende Staatsmann, der zunehmend in Dionysos´Bann gerät und schließlich von den rasenden Frauen zerfetzt wird. Eine beeindruckende Inszenierung, deren formale Strenge durch sparsame, aber klug gesetzte Komik gebrochen wird.