18.05.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Träume sind eine verrückte Welt

Pressespiegel

 

18.05.2010 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Träume sind eine verrückte Welt

Traumfrau oder Traummann – das sagt sich leicht dahin. Jimmy, der schwule Friseur, jedoch ist ein veritables Traumgeschöpf. Er existiert nur, wenn jemand ihn im Schlaf herbeiträumt. „Geboren“ hat ihn einst ein amerikanischer General, der zur Zeit des Korea-Kriegs lebte. Ausgerechnet der bescherte Jimmy den schönsten Moment in dessen Traumexistenz. Der General träumte den Kuss von Jimmy und Mitchell, hauchte jedoch im entscheidenden Moment das Soldatenleben aus. Und Jimmy der Friseur hing 50 Jahre in der Warteschleife. Bis wieder jemand ihn erträumte: Eine Schauspielerin aus Montréal . . .

Marie Brassard ist „Jimmy“. Seit etwa neun Jahren reist die kanadische Schauspielerin und Autorin mit ihrem Stück um die halbe Welt (auch schon nach Münster), schlüpft in die Maske ihres „Traummannes“, erzählt dem Publikum von der Sehnsucht seines Herzens – und führt es dabei immer wieder auch ins Herz der Peinlichkeit. Am Sonntag machte Marie Brassard im Rahmen des „Statements“-Festivals im Pumpenhaus Station und wurde mit euphorischem Fußtrommeln gefeiert. Das Ein-Personen-Stück in Englisch bedeutete fürs Publikum 70 Minuten konzentrierte Aufmerksamkeit.

Viele Lacher gab es dennoch, denn es ist eine kanadische Aktrice, in deren Träumen Jimmy wieder erwacht. Und deren Phantasie kann für schwule Friseure zum Albtraum werden. Jimmy will nichts als seinen Mitchell wiederfinden, der auch in diversen Szenen auftaucht – als Sehnsuchtsbild, das er nicht erhaschen kann. Stattdessen muss er qualvoll registrieren, dass sein kurzer Blondschopf den schwarzen Zöpfen einer Frau gewichen ist, ja dass er sich plötzlich seinen Körper mit der Mutter der Schauspielerin teilen muss, als Hermaphrodit.

Die Träumende katapultiert Jimmy in bizarre Welten, frönt öffentlich der Selbstbefriedigung (wofür er sich treuherzig entschuldigt), und am Ende mutiert er zum Hund, der sich bissig gegen die Traum-Chefin behauptet. Mit seinen falschen Augenbrauen blickt Jimmy stets erstaunt (oder entsetzt?) in die Welt. Marie Brassards Stimme verfremdet die Technik ähnlich wie bei Zeugen im Fernsehinterview, die unkenntlich gemacht werden.

Was zunächst wie eine poetische Posse über Geschlechter-Verwirrung wirkt, entpuppt sich als verspielte Reflexion über Träume und das, was sie mit uns machen. Sich in der eigenen Phantasie zu verlieren, kann vergnüglich sein. Ganz in fremden Träumen zu leben, ist aber furchtbar.