18.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Beim Küssen bleibt die Welt stehen

Pressespiegel

 

18.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Beim Küssen bleibt die Welt stehen

Theater: Marie Brassards Traumsolo „Jimmy“

Jimmy ist ein schwuler Friseur, der sich Hals über Kopf in einen schneidigen Soldaten namens Mitchell verliebt. Doch gerade als er seinen Angebeteten zum ersten Mal küssen will, bleibt plötzlich die Welt stehen. Das liegt daran, dass Jimmy kein wirklicher Mensch ist, sondern das Traumgeschöpf eines amerikanischen Generals, der in diesem Augenblick stirbt. Damit versetzt er Jimmy in einen existentiellen Schwebezustand, der mehrere Jahre anhält. Bis er von einer jungen Schauspielerin weitergeträumt wird, die Mitchell allerdings nicht mit in ihren Traum hineinnimmt.

Die Idee von der Welt als Traum eines betrunkenen Gottes ist nicht neu und manchmal auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Eine originelle Variante dieser Theorie entwickelt die kanadische Schauspielerin Marie Brassard in ihrem Solo „Jimmy“, das sie am Sonntag beim Statements-Festival im Pumpenhaus aufführte. Auf einem kleinen Podest erzählt sie dem Publikum, was Jimmy auf seiner Odyssee durch die Welt der Träume alles erlebt.

Andy Warhol tritt auf, Rapunzel, eine Fischverkäuferin, ein kleines Mädchen und die Mutter der Schauspielerin. Hinzu kommen Jimmys eigene Gedanken, die sich ebenfalls in Traumhandlungen manifestieren und die ohnehin komplexe Struktur des in englischer Sprache aufgeführten Stücks noch komplexer machen.

Mithilfe eines Tonabnehmers, der ihre Stimme in unterschiedliche Tonlagen transportiert, wechselt die Schauspielerin zwischen den verschiedenen Traumidentitäten des Protagonisten. „Jimmy“ überzeugt denn auch durch eine große Vielfalt an Stimmungen, die Brassard mit teils minimalem Einsatz glaubhaft zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt ein feiner, hintergründiger Humor.