17.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Zu Mördern gemacht

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Zu Mördern gemacht

Fringe/Phönix 5 spielen im Landgericht „Winter im Morgengrauen“

Es mag sein, dass im Hauptgerichtssaal des Landgerichts auch mal ein Schmierentheater stattfindet. Jener „Fall“ allerdings, der hier am Samstagabend „verhandelt“ wurde, war eine dramaturgische Inszenierung und wurde zu einer beeindruckenden Vorstellung der drei Akteure Manuel Klein, David Fischer und Harald Redmer, einst Mitbegründer des „Pumpenhaus“-Theaters.

Es ist die Sprache, die als Erstes verwahrlost, wenn eine Gesellschaft anfängt zu verrohen. Da wird die systematische Ausrottung von Menschen hygienisch zur „Säuberung“. Neue Rekruten beim Militär übernehmen leicht unmittelbar und unreflektiert den Jargon ihrer Vorgesetzten. Kommandoton und Sprache wird im Krieg zum ersten Anzeichen der Entseelung des Einzelnen zugunsten der Gruppe, zugunsten der „Sache“. Der Soldat wird zum Handlanger. Der Handlanger mutiert auf Befehl zum blindlings handelnden Monster.

In seinem Roman „Winter im Morgengrauen“ entlarvt der dänische Autor Jens-Martin Eriksen die Taktik von Befehlshabern, Gräueltaten als rein mechanische Vorgänge zu versachlichen. Exekutionen heißen hier „Abschluss“, die Ermordeten „die Begleiteten“, der Weg vom Dorf in den Wald zur Massen-Erschießung wird „Begleitarbeit“ genannt.

Der namenlose Ich-Erzähler aus dem Roman wird auf der Bühne durch die drei im Alter aufsteigenden Schauspieler von „fringe ensemble/phoenix5“ dargestellt. Dies erweist sich als ein gelungener Kunstgriff der Dramaturgie. So wird der Protagonist zu dem „Universal Soldier“ aus dem Lied von Donovan, der überall eingesetzt werden kann, der kein Gesicht hat, keinen Namen, kein spezielles Alter, der nur eines kennt: das Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Das gezeigte Theaterstück ist die kongenial umgesetzte Bühnenadaption des Romans. Die Darsteller reklamieren ihren Text wie bei einer Aussage vor Gericht. Die Zuschauer werden zu Geschworenen in einem Prozess. Doch verstehen sich die Ich-Erzähler nicht als Angeklagte, sondern eher als Zeugen. Sie agieren, als erzählten sie einfach die Geschichte von sich und ihren Kameraden, wie sie – herausgerissen aus Familie und Alltag – irgendwo im Niemandsland zu Mördern an der Zivilbevölkerung gemacht wurden. Doch jeder spürt: Hier will sich einer rechtfertigen. Einer, der sich rehabilitieren muss, vor sich selbst, um wieder ein „normales“ Leben führen zu können. Doch das Urteil spricht am Ende nicht ein Richter. Das Urteil stand längst fest. Denn allen, die dabei gewesen sind, war klar: Sie hatten sich bereits verwandelt in lebendige Tote.