17.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Das Grauen ist reine Kopfsache

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Das Grauen ist reine Kopfsache

Abattoir Fermé zeigt im Pumpenhaus „Mythorbarbital – Fall of Titans“

Der Bühnenraum im Pumpenhaus ist schwarz und still, eine Frau schluchzt. Ab und zu wird es blitzartig heller, und man meint Gitter zu sehen. Später wird deutlich, dass es nur die Verstrebungen eines Glastisches sind – kein Gefängnis.

„Mythobarbital – Fall of Titans“, die Performance der Belgischen Company Abattoir Fermé, die im Rahmen von des „Statements“-Festivals Deutschland-Premiere feierte, spielt mit den Phantasien des Zuschauers, lässt ihn das Grauen im Kopf ergänzen oder überrascht durch Ironie und Komik, wo sich menschliche Abgründe auftun. Da zittern Frauen vor lärmenden Staubsaugern, ein Mann mit blutunterlaufenen Augen lässt den Arm nach vorn schnellen, um Zigaretten zu spendieren und eine tote Hauskatze wird, königlich wie ein Pharao, unter einem Regen aus Katzenstreu begraben.

Regisseur Stef Lernous lässt sein absurdes Horrorkabinett zu Hause, auf dem Sofa, beginnen. Zwei Frauen in Hosenanzug und Abendkleid schlürfen Red Bull, während sich ein Mann, mehr tot als lebendig, mit schwarzem Kaffee den Mund zur Fratze malt. Ausdrucksstarke Szenen reihen sich aneinander, wenn die drei Darsteller langsam und stoisch ihre Bewegungen wiederholen, immer am Rande des Erträglichen. Nach dem Tod der Katze scheinen sich animalische Sphären zu öffnen. Kirsten Pieters zwängt sich erst, apathisch und ferngesteuert wie in einem Drogenrausch, unter den gläsernen Couchtisch, um dann, wie Schneewittchen wachgeküsst, mit schweren Augenlidern zur Katze zu mutieren. Darauf verwandeln sich die anderen beiden in Hunde, die die halbnackte Verführerin erst wie Jäger, dann wie Diener einer Geliebten, mit Milch überschütten.

Wie in einem Alptraum entwickelt sich die sprachlose Performance, wenn Tine van den Wyngaert mit einer Axt auf den Boden einschlägt und schließlich nackt zusammenbricht, damit der an Dracula erinnernde Chiel van Berkel sie zu Krengs dramatisch-cineastischer Musik mit Weintrauben bedecken und wie in Gedärmen darin wühlen kann. Man wartet nur darauf, dass er endlich mit der Axt auf eine der Frauen einschlägt, was natürlich nicht passiert. Der wirkliche Horror entwickelt sich bis zum Schluss im Kopf, darauf kann sich das Ensemble in seiner kunstvoll psychedelisch-morbiden Performance verlassen.