17.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Schneewittchen bleibt ungeküsst

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Schneewittchen bleibt ungeküsst

Theater: Abattoir Fermés düstere Horror-Märchen im Pumpenhaus

Geredet wird schon lange nicht mehr in dem bürgerlichen Wohnzimmer, das die belgische Theatergruppe Abattoir Fermé für „Mythorbital – Fall of Titans“ auf die Bühne des Pumpenhauses gebaut hat. Dafür verstreut man Cornflakes und Hundefutter über den Boden. Aber beides bleibt unangetastet. Kein Mensch will essen, und das Haustier ist, wie sich später herausstellt, irgendwo in den Tiefen des Sofas verendet. Selbst der Beleuchter scheint lustlos und taucht die Szenerie in ein düsteres Halbdunkel.

Beckett ohne Worte
Die Langeweile ist förmlich zu greifen, und der Zuschauer glaubt schon, sich in einer Art Beckett ohne Worte verirrt zu haben. Bis die Protagonisten sich nach einiger Zeit doch noch besinnen und die Situation retten, indem sie verschüttete Kindheitserinnerungen mobilisieren. Eine richtige Geschichte entwickelt sich dadurch zwar nicht. Dafür entstehen wunderlich-fantasievolle Bilder, die irgendwo im Grenzgebiet zwischen Traum und Albtraum siedeln.

Als Kirsten Pieters Rock und Bluse auszieht und sich unter einen Glastisch legt, ist sie Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg, die jetzt eigentlich von Chiel van Berkel als Prinz wachgeküsst werden sollte. Was aber nicht geschieht, weil dem die Situation entweder zu unheimlich oder zu erotisch aufgeladen ist und er deshalb erst mal eine Zigarette rauchen muss. In ähnlicher Weise scheitert das restliche Personal, das Regisseur Stef Lernous auffahren lässt – Rapunzel, der Zauberer von Oz, Jesus Christus.

Horror-Parodie
Wie in „Tourniquet“, das zwei Tage vorher auf dem Spielplan stand, arbeitet Abattoir Fermé auch in „Mythorbital“ wieder mit Bildern und Szenen, die an Horrorfilme erinnern. Nur dass das Ganze hier durch eine kräftige Portion Witz ad absurdum geführt wird. Fast hat man den Eindruck, die Truppe wolle mit dem einen Stück das andere parodieren. Besonders deutlich wird das, wenn Tine Van den Wyngaert nackt und mit einer riesigen Axt bewaffnet den Bühnenboden traktiert, dass die Holzsplitter nur so fliegen.