15.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Druckverband mit Risiken und Nebenwirkungen

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Druckverband mit Risiken und Nebenwirkungen

„Abattoir Fermé“ präsentierten im Pumpenhaus ihr Gruselstück „Tourniquet“ in deutscher Erstaufführung

Geschockt und sprachlos entließ die Theatertruppe „Abattoir Fermé“ das Publikum des Pumpenhauses am Mittwochabend. Genauso „sprachlos“ wie die zuvor gute achtzig Minuten lang agiert hatte. Es dürfte noch etwas dauern, bis sich die vielen Versatzstücke aus Psychogrammen unterschiedlichster Realitäten bei jedem einzelnen Zuschauer in ein verwertbares Gesamtbild verwandeln. Der nachwirkende Grusel wie bei Horrorfilmen wurde bewusst inszeniert. Denn etwas Effektiveres kann ein Theaterstück kaum erreichen als einen langen Nachhall.

 „Tourniquet“ (auf Deutsch Druckverband) handelt von Ritualen. Das Stück bedient sich plakativer Symbole aus Religion und Kunst, um die Urgewalten darzustellen, die unter der Fassade moderner Zivilisationen auf ihren Ausbruch lauern. Rituale schützen uns, andererseits bedrohen sie uns. Rituale bestimmen unser Leben. Dabei soll alles Ausdruck unserer Individualität sein: Morgentoilette, Frühstück, Begrüßungen. Taufe, Hochzeit, Beerdigungszeremonien. Mode, Wohnen, Arbeit. Indes: Wir folgen oft nur ritualisierten Vorgaben. Die monotheistischen Religionen unterscheiden sich weniger in ihrem Gottesbild, sondern durch die unterschiedlichen Rituale bei Gottesdiensten und Gesetzesauslegungen.
Genau hier finden die drei Akteure aus Belgien ihren dramaturgischen Ansatz. In das tiefenschwarze, lautlose Nichts des Raumes dringt ein monotones Quietschen. Licht enthüllt langsam eine bizarre Szenerie: ein Mini-Karussell – ein langer Balken ruht auf zwei Stäben. Die ein Meter hohe Mittelachse ist fest, ein Ende ruht auf Rollen, das frei schwebende andere Ende dient einem menschlichen Motor als Hebel, um den Balken im Kreis zu drehen.
Im Vordergrund liegt eine Frau in einer Badewanne. Im Hintergrund der dritte Darsteller. Die drei Schauspieler tragen weiß geschminkte Gesichter. Sonst nichts. Die Bewegungen frieren ein. Akteure starren staunend auf Publikum. Das Publikum starrt staunend zurück.

Von nun an bohren sich eine hypnotisch dröhnende Klangkulisse und die sich zeit­lu­pen­haft verändernden Szenenbilder unaufhaltsam in die Köpfe der Zuschauer. Aus dem Balken wird eine Theke, wird eine Bühne, wird ein Kreuz, wird ein Altar. Aus den Nackten wird eine Festgesellschaft, wird eine Orgie, wird zur Szene aus dem „Blauen Engel“ mit Hakenkreuzfahne, „Lola“ wird zur Striptänzerin, wird zum Aktgemälde, wird zur Leiche, wird zur Pieta, wird zum Zombie, wird zur Gekreuzigten, wird zur Priesterin, wird zum Opfer bei Ritualmesse, wird alles wieder still und starr und nackt und endet.