15.05.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Körpervergötzung ist seelenlos

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Körpervergötzung ist seelenlos

New Yorker Theater zeigte in der Ausstellungshalle Uraufführung von „Confessions“

New Yorks Theaterszene muss kitschig, brav und spießig sein. Wenn die „One Heart Productions“ aus den USA vom Pumpenhaus als „freie Radikale“ angekündigt werden, die „widerspenstiges“ Theater machen, dann müssen die Bühnen am Hudson völlig unspektakulär sein. Mario Golden und Andreas Robertz jedenfalls stellten im Rahmen des „Statements“- Festivals als Uraufführung ihre neuste Produktion vor und: „Confessions of a Gay Sex Addict“ ist ein dramaturgisch ordentlich gezimmertes Solo, das sich am Beispiel eines Teils der Schwulenszene mit dem Thema Sexsucht beschäftigt.

Die gut einstündige Inszenierung der Lebensbeichte von Felipe durch Regisseur Andreas Robertz (bis 2002 an den Städtischen Bühnen) beginnt fast sittenstreng mit kopulierenden Schatten, die verzerrt an die Wand der Städtischen Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst geworfen werden. Die Bühne ist spärlich, aber präzise möbliert: Im roten Sitzmöbel aus Leder wird Felipe privat plaudern, auf dem weißen aus Porzellan gewährt er intime Einblicke in sein pubertäres Initiationserlebnis, und der rote Läufer bietet ihm die Möglichkeit, sich zu exponieren: zu klagen, zu flehen, zu hadern.

„Geld oder Liebe?“ wäre da das geringste Problem. Felipe verkauft zwar auch erfolgreich seinen Körper. Aber sein Problem reicht viel tiefer. Felipe ist sexsüchtig, hat sich aber in Max verliebt und muss nun in dieser Nacht eine Entscheidung treffen: weiter Körper konsumieren oder eine persönliche Beziehung führen, die Gewissheit einer erfolgreichen Jagd nach Triebbefriedigung oder die Hoffnung auf tiefe Ruhe und Geborgenheit.

Ganz klassisch verweist das Stück auf Elternhaus und Kindheit. Das Scheitern von Vater und Mutter benennt Felipe gnadenlos und verurteilt es selbstgerecht, um sich Minuten später in Verzweiflung zu stürzen. Hymnisch frönt Felipe seiner Körpervergötzung, besingt die Kraft und die Herrlichkeit des Fleisches in einer Weise, die auch ein Sportwagen-Fahrer kaum weniger enthusiastisch zum Besten geben würde.

Darsteller Mario Golden führt seine Figur dabei eng, ergeht sich nicht in exaltiertem Pathos und zeigt in unprätentiöser Weise seinen Körper wie Gott ihn erschuf und er ihn verzierte. Überhaupt ist Sachlichkeit charakteristisch für das Spiel und die Inszenierung dieser Produktion. Euphorie und Elend werden ehrlich wie echt erzählt. So als sollte hier raue Wirklichkeit gleich einer Sauce nur vorsichtig eingedickt werden, um Süße und Schärfe deutlicher hervortreten zu lassen.

Am Ende greift Felipe sich einen Karton. Seine Hände umschließen zärtlich einen kleinen Teddy, als wollten sie auch dem kleinen Felipe Geborgenheit geben. Nach einer langen Pause legt er das Kuscheltier zurück. Er nimmt eine Kerze und bläst sie aus. Freundlicher Applaus. Ein Stück über den Körper und seine Sehnsucht nach Seele.