13.05.2010 – Felix Guth / Münsterschen Zeitung: Eigene Wahrheit und Provokation

Pressespiegel

 

13.05.2010 – Felix Guth in der Münsterschen Zeitung
Eigene Wahrheit und Provokation

Jutta Ditfuhrt liest im Fürstenberghaus aus ihrer Ulrike-Meinhof-Biografie – zur RAF Gewalt schweigt sie

Der kleine Computer wirft überlebensgroße Bilder an die Wand. Sie zeigen die erhängte Ulrike Meinhof, eine Nahaufnahme ihres Leichnams, ihr Grab. Die Bilder sind Teil der „Ermittlungen über Ulrike Meinhof“, die ihre Biografin Jutta Ditfurth am Dienstag im Fürstenberghaus vorstellt. Ditfurth hat ihre Wahrheit über die Terroristin mitgebracht. Eine Wahrheit, die provoziert.

In den Einstiegsszenen des Vortrags steckt eine gewisse Opfer-Romantik, die eine große Gefahr birgt. Denn am Ende der dreistündigen Lesung steht zwar ein Berg an Fakten über das Leben von Ulrike Meinhof. Und doch hat der Zuhörer am Ende nur wenig über Meinhofs Schritt zu einer radikalen Gesinnungs-Mörderin erfahren.

Wo die 58-jährige Grünen-Mitbegründerin hinmöchte, macht sie sofort deutlich. „Es gibt vier giftige Quellen in der Mythenbildung über Ulrike Meinhof“, sagt sie und zählt auf. Pflegemutter Renate Riemeck, die angebliche Anti-Faschistin mit NSDAP-Mitgliedschaft. Ex-Mann Klaus Rainer Röhl, dazu das Bundeskriminalamt und der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“).

Alles Lügen, Legende, falsche Interpretationen

Ditfurth sagt mit überzeugtem Unterton: „Diese Quellen vereinen sich zu einem Informationsfluss, der das öffentliche Bild von Ulrike Meinhof bestimmt.“ Alles Lügen, Legende, falsche Interpretationen. Nur Ditfurth kennt ihrer Ansicht nach die ganze Wahrheit.

Ohne Frage: Die Rechercheleistung ist enorm. „Ich bin ihr Leben nachgegangen, alle Akten, Ämter, Nachbarn“, erzählt die Autorin. Wo vorherige Meinhof-Biografien von ihrem antifaschistischen und christlichen Elternhaus erzählen, hat Ditfurth NSDAP-Verbindungen ausgegraben. Die vielen Details fügen sich zu einem Bild: Meinhof als Waisenkind, das sich nach Zuneigung, Freundschaft und Liebe sehnt, aber seine Existenz am Ende völlig dem politischen Wirken verschreibt. Und in ihrer Ablehnung der in ihren Augen faschistischen Bundesrepublik die Grenze überschreitet.

„Ihr Weg zur Gewalt war ein langer Prozess“

„Ihr Weg zur Gewalt war kein Sprung, sondern ein langer Prozess.“ Das ist schon alles über die letzte Lebensphase Meinhofs, in der sie an Überfällen, Entführungen und Morden beteiligt war. Und das erzeugt Kontroversen. Ein Teil des Publikums vermisst diesen Aspekt offenbar nicht. Andere sind empört. „Man kann das Töten nicht einfach ausklammern“, entfährt es einer jungen Frau. Ein Mann wundert sich über „viel Sympathie“ im Vortrag der Biografin. Sie sei keine RAF-Sympathisantin, entgegnet Jutta Ditfurth. Darauf, die Gewalttaten ausdrücklich zu verurteilen, verzichtet sie.

Die Uni Münster war an diesem Abend nur Vermieter des Raumes, Veranstalter waren das Theater im Pumpenhaus, der AStA, die Marx-Engels-Gesellschaft, der Kulturverein F24 und das antifaschistische Bündnis „VVN-BdA“. Uni-Sprecher Norbert Robers: .„Bei ihnen liegt die Verantwortung für die Inhalte.“

„Ich finde es legitim, nur einen Ausschnitt der Recherche zu zeigen“

Ludger Schnieder, Leiter des Theaters im Pumpenhaus, verteidigt die Lesung. „Ich finde es legitim, bei so einer Veranstaltung nur einen Ausschnitt der Recherche zu zeigen. Es ist eben ein persönliches Statement“, sagt er. Den universitären Rahmen findet er passend. „Gerade, weil sie in Münster Spuren hinterlassen hat, ist das der richtige Ort.“