13.05.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Streetdance: Vorurteile auf den Kopf gestellt

Pressespiegel

 

13.05.2010 – Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Streetdance: Vorurteile auf den Kopf gestellt

Vorurteile können wunderbar sein. Wenn die Betroffenen sie auf den Kopf stellen. Jugendliche auf der Straße? Die lungern nur rum, die können nix, die machen nur Blödsinn. Sind alle Jugendlichen jenseits gesellschaftlicher Institutionen und bürgerlicher Kulturmilieus undiszipliniert, unfähig und lichtscheu? Theater Cactus zeigt in seinem Jugendkulturfestival „Spurwechsel“, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil: 18 junge Tänzerinnen und Tänzer von der Straße appellierten Richtung Vorurteile: „Look at Me“. Und siehe, die lösen sich in Luft auf.

Die vorerst letzte Vorführung findet an diesem Donnerstag (13. Mai) um 20 Uhr in der Stadthalle Hiltrup, Westfalenstraße 197, statt. Karten an der Abendkasse.

Was Choreograf Julio Eyimi Mangue von „Cactus“ und sein Team (Ayuk Bobga, Robbi Sabanovic, Bruno de Carvalho und Enes Habibovic) organisatorisch, gruppendynamisch und nicht zuletzt tänzerisch auf die Beine gestellt haben, ist verblüffend. Die bunte Truppe der 16- bis 25-Jährigen liefert eine gut einstündige Power-Show, die ihre in der Regel nicht öffentliche Welt auf die Bühne bringt – selbstkritische Töne inklusive.

Die Gruppe versucht den Blick aufs Ganze: Die Straße als Flucht vor dem demotivierenden Zuhause, die Kumpel als Heimat, Grenzen von Freiheit („Seit du arbeitest, bist du überhaupt nicht mehr auf der Straße.“), die Straße als Möglichkeit von Freiheit: „Ey, was geht, Alter?“ Es geht viel. Körper und Gefühl verschmelzen zum Rhythmus, der viel Aggression kultiviert und viel Emotion, Emotionen auch von romantischer Qualität: In „Paraplü“ tänzelt einer zu einer Valse musette durch den Park, dabei umgeben ihn wirbelnde Tänzerbeine wie prasselnder Regen, Salti umstürmen ihn wie Blätter im Herbst.

Auch Ausgrenzung und Enttäuschung sind Themen. Doch Lebenskraft und Lebensfreude beherrschen die 17 Szenen, besonders bei den „Battles“. Wo man sich respektheischend zeigt, was wer kann. Wo die Glieder beim Krumping in Höchstgeschwindigkeit zappeln und trampeln oder Breakdancer ihren Körper akrobatisch von der Rückenrotation in den einarmigen Handstand schwingen. Und es ist viel Witz im Spiel: Bei einem „Locking“ bewegt sich ein Schlaks von einem Computer-Nerd wie ein Roboter aus Gummi.

Im Grunde versteht sich hier Streetdance als Antwort auf einen Kummer, den Tucholsky in seinen „Augen in der Großstadt“ vor 80 Jahren formuliert hat: „Wenn du zur Arbeit gehst / am frühen Morgen, / wenn du am Bahnhof stehst / mit deinen Sorgen: / da zeigt die Stadt / dir asphaltglatt / im Menschentrichter / Millionen Gesichter.“ Münsters Streetdancer wünschen sich „Look at Me!“

Im Grunde versteht sich hier Streetdance als Antwort auf einen Kummer, den Tucholsky in seinen „Augen in der Großstadt“ vor 80 Jahren formuliert hat: „Wenn du zur Arbeit gehst / am frühen Morgen, / wenn du am Bahnhof stehst / mit deinen Sorgen: / da zeigt die Stadt / dir asphaltglatt / im Menschentrichter / Millionen Gesichter.“ Münsters Streetdancer wünschen sich „Look at Me!“