11.05.2010 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Prasselnder Assoziationsregen

Pressespiegel

 

11.05.2010 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Prasselnder Assoziationsregen

Münster – Das Pumpenhaus liegt in Dunkelheit. „Abenteuer wie im Film, Ausraster wie im Fernsehen gibt es für nur einen Euro“, verkündet einer auf der Bühne. Im Dunkel leuchtet prompt ein Euro-Zeichen auf, darüber blinkt ein roter Pfeil. Sonst nichts: Nichts geschieht, minutenlang. Ratlosigkeit macht sich breit. Man hört im Zuschauerraum Münzen klappern, schließlich steht einer auf und wirft Geld in die Konstruktion: Und tatsächlich, das Licht geht an, das Stück kann beginnen.

 Und was für ein Stück der „andcompany&Co“ unter Leitung von Anna Schulz: Karl May trifft hier symbolisch auf Karl Marx, Ost und West prallen aufeinander – und alle bekommen ihr Fett weg. Indianer in bunten 80er-Jahre-Leggings tummeln sich auf der Bühne, lassen es gleich so viel Reis regnen, dass die ersten Zuschauerreihen reichlich davon abbekommen – und das alles im Schatten eines polnischen Atomkraftwerks. „Ist das hier Western von gestern?“ kalauern die Indianer, und wenn einer stirbt, quellen statt Gedärmen massenweise Möhren aus den Bäuchen.
 

„West in peace oder der letzte Sommer der Indianer“ ist ein wieselflinkes Assoziationsspiel, ein blitzgescheite Verquickung von Gedanken, nicht nur der von Marx oder May. Hier muss man immer auf der Hut sein, um keine Andeutung zu verpassen. So zerstört hier ein Zen-Meister in Anspielung auf Nikel Pallat („Ton Steine Scherben“) einen Tisch, der sich allerdings als unkaputtbare deutsche Eiche entpuppt. Dann wieder bevölkern Wölfe die Bühne, streifen mit gefletschten Zähnen umher. Und während man sich noch fragt, ob der Mensch des Menschen Wolf ist, befindet man sich unversehens auf der Wolfsschanze und besichtigt Hitlers Bunker. Dazwischen sinkt immer mal einer der Indianer nieder, von Pfeilen getroffen, an denen Botschaften wie „Tofu ist Menschenfleisch“ prangen.

Dass nur Karl May und Hegel existieren, und alles andere nur eine unreine Mischung aus ihnen sei, wie eine der Schauspielerinnen vermutet, ist eine These, die Karl Marx ausklammert. Eine andere hingegen bringt die beiden Karls zumindest inhaltlich zusammen: „Karl Marx führte Menschen vor, wie sie wirklich sind – sich selbst liebevoll skalpierend.“ Für den humoristischen Brückenschlag gab es reichlich Beifall.