11.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Karl Marx im wilden Westen

Pressespiegel

 

11.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Karl Marx im wilden Westen

Theater: Andcompany zeigt Intelligentes

Die Berliner Theatergruppe Andcompany&Co ist immer für eine Überraschung gut. Nachdem sie in ihrer Trilogie „Little red“, „Time Republic“ und „Mausoleum Buffo“ die Geschichte des Kalten Krieges neu geschrieben hat, widmet sie sich in „West in peace“ jetzt den Indianern.
Interessanterweise geht es auch hier wieder um den Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Und der findet nicht im Wilden Westen statt, sondern im wilden Osten, genauer: auf einem Campingplatz irgendwo in Polen, wo sich ein Grüppchen deutscher Dauercamper in ihren Wigwams, sprich Ein-Mann-Zelten, niedergelassen hat. Am Sonntag war das ebenso intelligente wie unterhaltsame Stück beim Statements-Festival im Pumpenhaus zu sehen.

Jesus, der alte Indianer

Auf einer Bühne, die mit einem stlisierten Kernkraftwerk, einem Gräberfeld, mehreren Zelten und den Relikten eines Western-Saloons mehr als vollgestellt ist, spielt das fünfköpfige Ensemble Karl May gegen Karl Marx aus, dass es eine Freude ist. Von Jesus als dem ersten Indianer ist die Rede und von Barack Obama als aktuellem Oberindianer. Natürlich darf in dem waghalsigen Gedankengebäude auch Winnetou nicht fehlen. Ihn hat es in die Schweiz verschlagen, wo er auf der Suche nach dem Nazi-Gold ist, nachdem die stolzen Apachen ausgerottet wurden, weil sie in Wirklichkeit verkappte Spione des KGB waren oder so ähnlich.
In Joschka Fischers Turnschuhen machen sich die Schauspieler auf den Weg von Ardistan nach Dschinnistan und konfrontieren dabei Marxens Theorie vom Warenfetischismus mit aktueller wirtschaftlicher Realität. In fulminanten Gesangseinlagen werden Legenden wie Rio Reiser und Jim Morrison exhumiert. Mehrmals stockt die Handlung, bis ein Zuschauer bereit ist, einen Euro in eine Sammelbüchse zu werfen, denn: „In diesem Western ist alles erlaubt, außer kein Geld zu haben.“
Es ist ein Feuerwerk assoziativer und gar nicht mal so verrückter Ideen, das hier auf den Zuschauer niederprasselt. Zuerst denkt man, die machen Quatsch. Aber dann tut sich in den grotesk anmutenden Theorien messerscharfe Kritik an einer Situation auf, bei der Finanzspekulanten längst die Rolle der Politik übernommen haben. „Schießt die Banker auf den Mond – das ist Raumfahrt die sich lohnt“, reimt einer der Darsteller in bester Sponti-Manier, während eine andere als Running Gag immer wieder ihren „Karl May aus Radebumms“ ins Feld führt.