10.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Tischlein, bück dich

Pressespiegel

 

10.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Tischlein, bück dich

Theater: „Springville“ von Miet Warlop kommt wie eine Screwball-Komödie daher

Es knistert und rumort im riesigen Pappmaché-Haus. Aus dem Schornstein quillen unaufhörlich bunte Plastikbahnen wie materialisierter Rauch. Dann spuckt das Haus einen Mann aus: Mit Karacho schießt er aus dem Fenster und fällt dem Publikum vor die Füße.
Es ist gewiss einer der seltsamsten Auftakte, die man sich für ein Theaterstück vorstellen kann. Und es geht noch seltsamer weiter. Möbel und andere Dinge werden lebendig. Ein Tisch hat schöne, lange Frauenbeine mit verboten hohen Stöckelschuhen, ein Karton serviert Kaffee auf dem Tischrücken, ein Stromkasten explodiert. Nach einer Stunde haben Haus, Mensch und Gerätschaften mit sich und der Welt gekämpft, alle Viere von sich gestreckt, das Haus wackelt, bläht sich, birst und bricht, als seien Hurricane und Erdbeben aufeinander getroffen. Großartig. Aber was, bitte schön, war das?
Das war Miet Warlop. Die Choreografin aus Brüssel hat in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst das Stück „Springville“ präsentiert, eingeladen vom Theaterfestival „Statements“ zum 25. Geburtstag des Pumpenhauses, den das Haus heute mit einer großen Party feiert (siehe Infokasten). Ein Geburtstagsstück, das sich gewaschen hat.

Ohne Worte

Die junge Crew zeigt, was Theater alles kann. „Springville“ ist eine Screwball-Komödie ohne Worte. Ein Ding-Gedicht. Es ist detailverliebt, technisch ausgeklügelt, setzt auf Effekte, Slapstick, Akrobatik und Elemente des Straßentheaters, ist poetisch und krachend, ist zärtlich und bollerig. Ein Kreativkosmos mit immer neuen, überraschenden Bildern, die sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Kopf immer weiter ausbreiten.
Geradezu unerhört ist die Rolle des Tisches. Dass eine Schauspielerin es schafft, eine Stunde lang auf High Heels in gebückter Haltung zu stehen, zu gehen und einen Tisch zu spielen, auf dem zunächst eine Obstschale mit Ananas, dann auch noch ein komplettes Kaffeegedeck mit Tassen, Kanne und Sekt abgestellt wird, verlangt allergrößten Respekt ab. Und hocherotisch ist sie dabei auch noch.
Der Humor kommt oft beiläufig, nie Effekthascherisch, ist schwarz und grotesk. Ein Riese im Jogginganzug wird so zerlegt, dass nur noch das Unterteil nervös herumrennt. Der Stromkasten verreckt elendig an der Hauswand. Der neugierige Rohr-Rüssel des Kartons wird radikal gestutzt. All das reizt ungemein zum Lachen. Schallendes Gelächter gibt es gar zum Schluss, als das Haus bricht. Hälse recken sich, die Leute stehen auf, um ja nichts von dem zu verpassen, was da auf der Bühne geschieht.
Und selbst nach der Show kann man sich kaum von dem Chaos trennen. Die Blicke der Zuschauer gehen in den Karton, in dem Miet Warlop höchstpersönlich steckte, aus dem Wasser spritzte und lila Rauch aufstieg. Sie schauen sich die Maschinen an, mit denen eine Riesenplastikplane aufgeblasen wurde, die das Haus scheinbar komplett in die Luft hob. Und sie stehen fasziniert vor den Styropor-Trümmern des Hauses, das seine bizarre Geschichte erzählt hat. Der Wiederaufbau kann beginnen.