07.05.2010 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Fünf Fremde sorgen für Chaos

Pressespiegel

 

07.05.2010 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Fünf Fremde sorgen für Chaos

Münster – Eine Bühne, gerammelt voll mit – Sperrmüll? Oder was stapelt sich da wild im Pumpenhaus? Ein alter Grill, Tische, Stühle, Wasserkisten, Topfpflanzen drängen sich aneinander, dann löst sich gar ein Scheinwerfer aus seiner Verankerung und stürzt hinab. Ist das Pumpenhaus zu seinem Geburtstag marode geworden? Findet hier gar eine Haushaltsauflösung im Theater statt?

Klares Nein: Hier wütet eine Produktion des Theaters „Campo“ aus Gent. Dirk Pauwels hat für die fünfköpfige Truppe die Idee entwickelt, einfach auszuprobieren, was passiert, wenn fünf Künstler aus fünf Nationen, fünf einander Fremde, zusammengebracht werden, um eine Performance zu entwickeln.

Der Anfang ist vergleichsweise geradlinig: Die erste der fünf betritt die Bühne, löst ein Kreuzworträtsel, wechselt eine Glühbirne, hinterlässt überall goldfarbene High Heels. Doch alsbald verlöscht das Licht, nun stehen auf einmal zwei geisterhafte Gestalten im Dämmerlicht auf der Bühne, singen in den schrägsten Tönen. Was wie eine harmlose Traumsequenz beginnt, endet bald im Geschrei, mündet in einem Kuss – der aber das Schreien nicht völlig stoppt.

Plötzlich liegt die Bühne im dichten Nebel, es ertönt „The Ecstasy of Gold“. Immer wieder blitzt ein Scheinwerfer auf, leuchtet den Nebel an, der sich zu bizarren Gestalten zu formieren scheint. Mehr und mehr Licht flammt auf, nimmt den Takt der Musik auf – bis wie aus dem Nichts drei Personen auf der Bühne stehen. Eine vierte kommt hinzu, eine Topfpflanze in der Hand. Spätestens hier vermischen sich die Spielebenen, es zeigt sich: Gruppendynamik fordert ihren Tribut. Und tatsächlich, nun bricht Chaos aus: Immer mehr Gegenstände türmen sich auf der Bühne, mehr und mehr schleppen die vier von draußen an, man wünscht ihnen schon jetzt viel Spaß beim Aufräumen.

Endlich betritt Person Fünf die Bühne – Grund genug für alle, auf Barhockern Platz zu nehmen und über ihr spontanes Stück zu philosophieren: In der Gruppe ringen sie nach Wörtern, aus denen sie Sätze formen, es sind holprige, hartnäckige Sätze, die immer wieder auf ihren Klang abgeklopft werden, bis sie endlich im Raum stehen können. Sätze wie dieser hier: „to establish rules that suit everyone is a waste of energy“ oder „collectivity has to deal with individual desires.“ Ob nun das Durchsetzen von Regeln, die jedem passen, verschwendete Energie ist, oder das Problem der Allgemeinheit, sich mit individuellen Wünschen herumschlagen zu müssen, den Zuschauer Kopfzerbrechen bereitete oder nicht – dem Publikum gefiel die schräge Performance, und so ernteten die fünf reichlich Beifall.