04.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Bitte kein Bier auf dem Sofa

Pressespiegel

 

04.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Bitte kein Bier auf dem Sofa

Theater: Cactus legt mit „Beautiful Freaks“ einen spannenden Festival-Start hin
 
Im 19. Jahrhundert waren es körperlich missgebildete Menschen, die in so genannten Freakshows ausgestellt wurden, während man seit den 1960er Jahren Leute als Freaks bezeichnet, die sich in Kleidung, Ansichten und Verhalten bewusst von gängigen Vorstellungen absetzen.

Aber immer ist es ein Anderssein, das dem Wort zugrunde liegt. Und um dieses Anderssein geht es auch in der neuen Cactus-Produktion „Beautiful Freaks“, die am Sonntag im Pumpenhaus Premiere feierte und gleichzeitig das SpurweXel-Festival eröffnete – eine Reihe mit zehn Inszenierungen, die bis Ende des Jahres an unterschiedlichen Orten aufgeführt werden.

Zirkustruppe
Unter der Regie von Alban Renz sind drei Jungs und drei Mädchen am Start. Sie bilden eine bunte Zirkustruppe, die auf den Beginn der Vorstellung wartet, also genug Zeit hat, erst einmal das Publikum auf Freak-Eignung abzuklopfen.

Dann werden verschiedene Aspekte des Andersseins durchdiskutiert. Darf es aus freien Stücken erfolgen oder nur, weil man nicht anders kann? Und wenn ja, darf man es dann genießen oder muss man zwangsläufig darunter leiden? Wie sieht ein Leben als Freak aus? Bringt es Vorteile mit sich oder eher Nachteile? Wo fängt der Freak überhaupt an? Was gilt heute noch als normal?

Es ist ein umfangreicher Katalog, den das junge Ensemble in ebenso amüsanten wie aussagekräftigen Szenen durchspielt. Maßnahmen gegen außenseiterbedingtes Mobbing werden ausprobiert – bitten, drohen oder doch lieber in sozialpädagogischer Manier auf die Angreifer eingehen?

Eine andere Versuchsanordnung widmet sich der Frage, wie weit man kommt, wenn man immer nett ist. Dazwischen gibt es Songs zum Mitklatschen und wilde Tänze auf etwas, das sich wie ein alpenländischer Turbojodler anhört.

Um sechs aufstehen?

Insgesamt zeigt sich das Cactus-Theater mit „Beautiful Freaks“ wieder einmal in Hochform, sowohl darstellerisch als auch inszenatorisch. Irgendwann sind die Protagonisten so weit, dass sie von einem geordneten, rechtwinkligen Leben träumen: um sechs aufstehen, Büro, Kollegengespräche über Fußball, abends nach Hause, Fernseher, Bier und Sofa. „Ach, wäre das schön“, lautet der sehnsuchtsvoll hingeseufzte Refrain, den sie so lange wiederholen, bis sie selber nicht mehr daran glauben.

  •  Wiederholung Dienstag (4.5.) um 11 und 20 Uhr im Pumpenhaus.