03.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Wer schaufelt den Schnee auf die Straße?

Pressespiegel

 

03.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Wer schaufelt den Schnee auf die Straße?

Theater: Einwanderer wundern sich

In Afrika konsultiert er einen Magier, der ihm den Knochen einer schwarzen Katze besorgt. Den nimmt er in die Hand, schließt die Augen und wünscht sich ganz fest: Hamburg. So sei er damals nach Deutschland gekommen, erzählt er und lacht.
In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. Kein Zauberknochen war sein Transportmittel, sondern ein Containerschiff, das in Guinea in See stach und „in irgendeinem Europa“ anlegte. Das es Hamburg ist, wo er von Bord geht, erfährt der 13-jährige erst als er Landsleute trifft. Ähnlich geht es einem Mädchen aus Sierra Leone, die mit 10 Jahren nach Deutschland kommt, hier zum ersten mal Schnee sieht und sich wundert, wer sich die Mühe macht, das ganze weiße Zeug auf die Straßen zu schaufeln.
Reale Märchen
Geschichten, die nicht erzählt werden, existieren nicht. Davon ist Branko Simic überzeugt. Deshalb hat der aus Bosnien stammende Regisseur zusammen mit der Schauspielerin Vernesa Berbo und dem „Geräuschesammler“ Günter Reznicek die „Gesellschaft für reale Märchen“ gegründet, die er am Freitag beim Statements-Festival im Pumpenhaus vorstellte. Real deshalb, weil die Einwanderer-Geschichten, die er sammelt, sich alle wirklich so zugetragen haben, und Märchen, weil sie alle zu einem Happy End führen. Deutschland ist für ihn ein Einwanderungsland – auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen.
Leichen sonnen sich
Einige der Menschen, die hier per Video auftreten, sind Kriegsflüchtlinge aus Bosnien. Sie haben bereits eine abenteuerliche Reise hinter sich, als ihre Odyssee in Deutschland beginnt. Einer heuert in einem italienischen Restaurant an und wird fortan für einen Italiener gehalten. Ein anderer restauriert als Schwarzarbeiter die Deutsche Bank. Eine dritte gerät beim Anblick von Sonnenanbetern in Panik, weil sie sie für Leichen hält – die realen Schrecken des Krieges mögen vorbei sein, mit den seelischen Folgen wird sie noch lange zu kämpfen haben.
Simics Kommentare, Berbos schauspielerische Einlagen und Rezniceks elektronische Kompositionen machen aus den Erzählungen eine spannende Performance, die trotz des ernsten Themas auch amüsante Momente aufweist, was nicht zuletzt am Einfallsreichtum der Einwanderer liegt, mit dem es ihnen gelingt, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen.