02.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: „Märchen“ mit realem Hintergrund

Pressespiegel

 

02.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
„Märchen“ mit realem Hintergrund

Bewegende Schicksale im Pumpenhaus
Münster – Die Bilder weltweiter Flüchtlingsdramen haben sich in unsere Köpfe gebrannt: „Boatpeople“ aus Vietnam, Afrikaner in Schlauchbooten auf hoher See, Tote an der innerdeutschen Grenze, Flüchtlingsströme aus dem Osten nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Und wohl jeder kennt einen Menschen, der seine Heimat verlor, vertrieben wurde, flüchten musste. Dennoch begegnen wir diesem Thema meistens nur im anonymen Umfeld der Medienbilder. Häufig haben wir kaum eine Möglichkeit, uns in das Schicksal anderer einzufühlen.

„Gesellschaft für reale Märchen“ nennt sich die Theatergruppe um den Künstler Branko Simic, die versucht, uns dieses Einfühlungsvermögen zurückzugeben. Dazu lösen sie das Knäuel aus anonymer Masse auf. Die Zuschauer begegneten in dem Stück „Karl May 2.0 durch das Land der Skipetaren – Double Bill“ sechs Menschen mit ihren Geschichten, per Video auf Großbildleinwand und real in Person von Branko Simic und der Schauspielerin Vernesa Berbo, beide selbst ehemalige Flüchtlinge vor dem Bosnienkrieg. Die Multimedia-Präsentation wirkte gewollt distanziert. Mit den Schicksalen, die präsentiert wurden, zielten die Erzähler nicht vordergründig auf Emotionen. Der Tonfall, in dem die Video-Interviews übersetzt wurden, blieb nüchtern. Selbst die akustischen Elemente von Geräuschesammler Günter Reznicek, die die szenische Lesung begleiteten, drängten sich nicht auf. So hatten die Zuschauer die Möglichkeit, sich ohne Gefühlsduselei den Geschichten zu nähern.

Wir erfuhren von Aminatu aus Sierra Leone, wie sehr sie als kleines Mädchen bei ihrer Ankunft in Deutschland staunte, weil die gesamte Umgebung weiß eingefärbt war. Schnee war ihr unbekannt. Wir hörten von Slobodan aus Tuzla, wie er kurz nach der Ankunft in Deutschland wieder zurück ins Kriegsgebiet nach Bosnien wollte. Er konnte den täglichen Kleinkrieg zwischen Flüchtlingen aus aller Welt nicht ertragen, die man alle in demselben Asylheim untergebracht hatte. Die collagenhaft präsentierten „realen Märchen“ endeten alle märchenhaft, mit einem versöhnlichen Ende.