30.04.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Von der Sehnsucht des Körpers

Pressespiegel

 

30.04.2010 – Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Von der Sehnsucht des Körpers

Daniel Léveillé Dance (Montréal) – Amour, acide et noix

Münster – Nackte auf der Bühne – da stöhnt der von provozierwütigen Regie-Gockeln geplagte Theaterbesucher genervt auf. Hätte einer der Tänzer im Ballett von Daniel Léveillé auch nur ein Feigenblättchen getragen, das bewegende bewegte Tanzgedicht des kanadischen Choreografen wäre verdorben gewesen. Was das gebannte Publikum am Mittwochabend im Pumpenhaus im Rahmen des Statement-Festivals erleben durfte, war die Inszenierung der freien Seele des Körpers im Zeitalter seiner systematischen Selbst-Versklavung.
In Zeiten der Freiheit von Markt und Marketing wird der Körper vom Konsumenten gemästet und gestählt, maskiert und instrumentalisiert. Daniel Léveillé zeigt den Körper als Seele, als reinen Leib mit eigenen Leidenschaften. Drei Männer und eine Frau zeigen in „Amour, acide et noix“ (Liebe, Säure, Nüsse) nichts als ihren Körper, Körper, die sich bewegen und ausdehnen wollen, Natur sein wollen, nicht alleine sein wollen.
Léveillé lässt durch seine Tänzer Bilder aufscheinen, die den Körper in Bezug zu Kultur und Natur setzen. Oft explodieren die Tänzer in Posen, die an die Proportionsstudie „Der vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci erinnern. Das Licht akzentuiert die Körperform zu einer musealen Qualität, die an Marmor und Michelangelo erinnert.
Das Licht bewirkt ebenfalls, dass die Körper in Bezug zur Natur gesetzt werden. In vier warmen Leuchtkegeln wie Sonnenlicht scheint das Quartett wie erstarrt. Doch während aus dem Dunkel eine Stimme den Gesang der Spatzen erläutert und das Auge von Tänzer zu Tänzer wandert, wird einem klar, dass hier fast unmerklich Bäume im Wachsen begriffen sind. In einer anderen Sequenz liegen die Körper dicht an dicht, sie bewegen sich rollend wie ein flächiges Lebewesen über den Erdboden und wogen und wallen während im Hintergrund leise Led Zeppelin zu erlauschen ist. Das Publikum schaut gebannt in atemloser Stille über das Leben dieser Körper, die jenseits von Mann und Frau – Menschen sind.

Überhaupt offenbaren Léveillés tanzende Körper eine vergessene Realität: Diese Welt ist ein Wunder, der menschliche Körper ist ein bewundernswerter wunderbarer Zell-Organismus. Aus versteinerter Positur springen die Tänzer immer wieder in fragile Balancen, mit Hilfe eines anderen Körpers kann der eigene Körper über sich hinauswachsen, schweben, fliegen. Aber selbst der Athlet, wie hoch und wie weit er auch springt, Mutter Erde zieht ihn an sich heran, ein von Haut zusammengehaltenes Häuflein Mensch.

Und die Intimität nackter Körper? Es gibt viele Berührungen, oft umfangen, heben oder drücken sich die Tänzer, mal aggressiv zu Rammsteins „Sehnsucht“, mal anmutig zu Vivaldis „Jahreszeiten“. Aber es gibt nur wenige intime Momente. Immer dann, wenn die Blicke sich treffen, begegnen sich die Seelen der Körper wirklich.
Am Ende stehen die Körper von Mathieu Campeau, Justin Gionet, Emmanuel Proulx und Esther Gaudette bekleidet vor ihrem Publikum. Der Körperklang der Zuschauerhände berührt die atmenden Körper der Tänzer und lässt ihr Antlitz leuchten, ihre Lippen lächeln, und vielleicht fühlen sich alle Körper in diesem Theater in diesem Moment nicht getrennt von der Welt.