30.04.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Der Mensch als Maschine

Pressespiegel

 

30.04.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung
Der Mensch als Maschine

Tanz: Daniel Léveillé und die Nackten

Es ist gewissermaßen ein Reinheitsgebot, dem die drei Männer und eine Frau hier unterliegen. Keine Dekoration, keine Requisiten und keine Kostüme. Nichts als der bloße, gnadenlos exponierte Körper steht ihnen für ihre Kunst zur Verfügung.

Gen Himmel
Aber sie scheinen keine Probleme damit zu haben. Offensiv in ihrer Nacktheit marschieren sie zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf die hart ausgeleuchtete Bühne. Dann kommt Schwung in die Körper. Sprünge aus der Hocke heraus mit sehnsuchtsvoll gen Himmel gestreckten Armen wechseln sich mit gefährlich aussehenden Schraubbewegungen ab. Dazwischen verharren sie immer wieder in Posen, mit denen sie bei einem Aktzeichenkurs Modell stehen könnten. Auch Medizinstudenten dürften am genau zu beobachtenden Spiel der Muskeln ihre Freude haben.
Mit großer Abwechslung verwöhnt Léveillé sein Publikum nicht. Auch nicht mit besonderer Eleganz oder Geschmeidigkeit. Hart und abrupt sind die Bewegungen der Tänzer. Zuweilen erinnern sie an Testläufe einer mechanischen Apparatur, die sich mit nur kleinen Veränderungen ständig wiederholen. Auch die Vorbereitungen für die einzelnen Ausführungen werden in das Ritual einbezogen – die Konzentration, das Atemholen und das Anspannen der Muskeln.
Mehr Studie
Über weite Strecken ist es mehr Studie als Tanz, was hier über die Bühne geht. Der französische Arzt und Philosoph Julian Offray de La Mettrie kommt einem in den Sinn, der in seinem Buch „L’Homme Machine“ den Menschen mit einer Maschine verglichen und damit die wissenschaftliche Welt des 18. Jahrhunderts gegen sich aufgebracht hat.
Umso überraschender ist es, dass die Tänzer dann ausgerechnet beim Brachial-Rock von Rammstein die bei Vivaldi vermisste Zärtlichkeit an den Tag legen. Plötzlich kommt es zu Berührungen und zu Annäherungen, und die zierliche Tänzerin darf ihren kräftigen Kollegen mit großartiger Geste in die Luft stemmen. Später legt sich das Ensemble auf den Boden und formiert sich zu Körperlandschaften, die sich ständig verändern, wie es die Erde einst gemacht hat und auch heute noch manchmal tut, bevor nach gut einer Stunde das eindrucksvolle, aber auch ein bisschen spröde Stück endet.

Fotostrecke MZ

Das Pumpenhaus feiert seinen 25. Geburtstag mit dem von unserer Zeitung präsentierten „Statements“-Festival. Die nächsten Tanztheaterproduktionen:
  • Am 7. Mai sind die Choreografen Keren Levi und Tom Parkinson mit ihrer neuen Produktion „Envelopes“ im Pumpenhaus zu Gast. Vor einer Woche wurde das Stück beim Springdance-Festival in Utrecht uraufgeführt. In Münster ist die deutsche Erstaufführung zu sehen. Levi erregte jüngst mit ihrem Stück „Big Mouth“ Aufsehen auf dem israelischen Tanzfestival „International Exposure“. Beginn ist um 20 Uhr.
  • Am 8. Mai wird die Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst in Münsters Speicher II (Hafenweg 28) zur Bühne. Miet Warlop aus Brüssel zeigt um 20 Uhr „Springville“: Hier wird Hausrat lebendig.
  • Karten im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, Tel. (0251) 23 34 43.