26.04.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Geschichte von unten

Pressespiegel

 

26.04.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Geschichte von unten

Theater: Amüsantes Wiedertäufer-Stück „1534“ im Pumpenhaus

 Die Bühne im Pumpenhaus ist herrlich überfrachtet: mehrere Glashäuser, ein Waschzuber, in dem Weintrauben ausgequetscht werden, eine Konstruktion, die wie ein mannshoher Hühnerstall aussieht, und ein aus Fahrradfelgen zusammengedengeltes Foltergerät.
Auch einen blonden Recken gibt es, der sich mit nacktem Oberkörper in all dem Chaos zu schaffen macht, während ein anderer auf einem aufblasbaren Sofa lümmelt und ein dritter Wäsche aufhängt, denn „Die Zeit ist nahe“, wie eine Inschrift auf der hinteren Bühnenwand verkündet, und da will keiner mit verdreckten Klamotten auftauchen. So also, denkt man, sah es damals in Jan van Leidens WG aus.
 

Unbekümmert

Mit „1534“ nimmt sich die Berliner Theatergruppe Schowcase Beat Le Mot beim Statements-Festival des Pumpenhauses der Herrschaft der Wiedertäufer in Münster an. Das Stück ist Herbert Achternbusch gewidmet, und das sagt schon einiges über die Ernsthaftigkeit aus, mit dem sich das Ensemble dem historischen Thema nähert. Es ist Geschichte von unten, die hier auf  fröhlich-unbekümmerte Weise dargeboten wird — von vier Mitläufern und Nichtsnutzen, denen es erklärtermaßen nicht um irgendwelche Glücksversprechen geht, sondern die nur gekommen sind, um sich mal so richtig zu amüsieren.
Wenn sie nicht gerade mittelalterliche Freiheitslieder grölen oder zur Drehleier ungelenke Discotänze aufführen, erzählen die Darsteller im Sprachduktus der Bibel von ihrer großen Idee einer klassenlosen Gesellschaft, bei der alles geteilt wird und keiner des anderen Herr sein soll. Das klingt gut, geföllt aber der Kirche nicht, die sich als Tonbandstimme aus dem Off einmischt und die illustre Gesellschaft zu exkommunizieren droht.
Zwischendurch schlurft man über die Bühne oder hantiert mit irgendwelchem Gerät, mehr oder weniger ziellos, denn selbst im Neuen Jerusalem ist nicht ständig Action angesagt. Zum Glück kommt nach solchen Längen aber immer wieder etwas. Zum Beispiel die wunderbar komische Szene, in der die Wiedertäufer zwecks Fortpflanzung beim benachbarten Nonnenkloster vorsprechen und nach längerem theologischen Disput tatsächlich Erfolg haben. Dummerweise folgen auch andere Klöster dem Beispiel, sodass bald bedenklicher Frauenüberschuss herrscht, was wiederum die Vielweiberei erklärt. Alles in allem eine amüsante Inszenierung, die sich manchmal in Alberheiten flüchtet, aber auch einige Höhepunkte zu bieten hat.