25.04.2010 – Michael Heß in „draußen! – Straßenmagazin für Münster und Umland“ Das Theater im Pumpenhaus feiert 25 Jahre

Pressespiegel

 

25.04.2010 – Michael Heß in „draußen! – Straßenmagazin für Münster und Umland“
Das Theater im Pumpenhaus feiert 25 Jahre

STATEMENTS – Münsters größtes Theaterfestival aller Zeiten 

Münsters freie Theaterszene gilt bundesweit als einzigartig. TITANICK und Jugendtheater CACTUS, Borchert-Theater und Der kleine Bühnenboden, das Ensemble Freuynde und Gaesdte und die English Drama Group – alle tragen ihren Teil bei zum Theatermekka Münster. Mittendrin eine besondere Spielstätte: das Theater im Pumpenhaus, das nun mit einem außerordentlichen Programm sein 25-jähriges Jubiläum als Ort der freien Szene feiert. Über Geschichte und Geschichten und über das Jubiläum selbst unterhielt sich Michael Heß mit Geschäftsführer Ludger Schnieder.

Das Gebäude fällt auf. Mit seinen Erkern und Nischen, Türmchen und verwinkelten Fenstern und Anbauten atmet es immer noch den Charme einer verblichenen Industriearchitektur mit Fachwerk und Jugendstilanklängen. Der Name “Pumpenhaus” verweist auf die frühere Funktion als städtische Pumpstation; seit 1901 leitete es städtische Abwässer auf die sechs Kilometer entfernten Rieselfelder. Das ist längst Geschichte, hat die ursprüngliche technische Gebäudefunktion doch der Kultur Platz gemacht, auch wenn die den Namen gebenden Pumpen heute noch den Parkplatz neben dem Gebäude zieren. Im vormaligen, seit Beginn der 70er Jahre leer stehenden Pumpwerk eröffnete nach einer anderthalb Jahre währenden Umbauphase am 10. Mai 1985 das Theater im Pumpenhaus (TiP) als erstes freies Theater in NRW überhaupt. 
Getragen von der Theaterinitiative Münster, einem seinerzeitigen Zusammenschluss von sieben Ensembles. Passend mit einem Stück zu den Wiedertäufern: “Herz der Freiheit”, die brilliante Inszenierung sorgt noch heute für Gesprächsstoff. Mit Ablauf des Jahres 1998 war die Theaterini- tiative Geschichte, ab dem 1. Januar 1999 wird das Haus städtische GmbH. Wie auch immer, ist es 25 Jahre und ungezählte Aufführungen später an der Zeit, eine großartige Bilanz zu ziehen. 
Und das kann niemand besser als der langjährige Leiter des Hauses, Ludger Schnieder. Schnieder selbst ist prädestiniert für den Job. Der 54-jährige Münsteraner (verheiratet, zwei Töchter) studierte an der WWU Germanistik und Publizistik, spielte seit seinem 16. Lebensjahr Theater, war in den 70er Jahren Mitglied der legendären Theatergruppe “Die Sägen” (auf die letztlich die heutigen Bullemänner zurückgehen) und organisierte später Theaterfestivals in Hannover. Als Filmschauspieler gelangt er aufgrund einer Hauptrolle in Adolf Winkelmanns Film “Die Abfahrer” zu beginnendem Ruhm, steigt aber wieder aus. Noch später schließen sich regelmäßige Arbeitsaufenthalte u.a. in Japan und den USA an. Zum Theater im Pumpenhaus stößt Schnieder 1984. “Ich habe dort den Keller gemalert”, erinnert er sich an seine erste Tätigkeit noch während des Umbaus zur Spielstätte. Er bleibt da hängen, mutiert zum spiritus rector der Theaterinitiative und ist seit 1999 Leiter des renommierten Hauses an der Gartenstraße. 
Schnieder profiliert die Spielstätte in einem festen Bezugsrahmen. “Mir geht es beim Theater immer um Kunst” und “Wir haben immer nur das gemacht, was bezahlt werden konnte” umreißt es hinlänglich genau. Wer mit Schnieder zu tun hat, spürt schnell: Hier spricht ein theaterbessener Realist, der das Machbare kultiviert. Oberbürgermeister Markus Lewe attestiert ihm anerkennend Querköpfigkeit, Bissigkeit und Engagement, die oft erst Unmögliches möglich gemacht haben. Er ist mehr Impressario als Geschäftsführer. 
Allerdings verfügt das TiP über kein eigenes Ensemble, ist es “nur” Spielstätte um Ludger Schnieder, den Technischen Leiter Volker Sippel und freie Mitarbeiter und Praktikanten herum. Aber eine mit Grenzen überschreitendem Ruf. Manche internationale Karriere begann hier vor bis zu 170 Sitzplätzen wie die von Sascha Walz und von Samir Akika, die des belgischen Ensembles Victoria, des Griechen Theodoros Terzopoulos oder des japanischen Kollektivs Dump Type; die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Mit dem Pumpenhaus verbunden ist die Kristallisation der heutigen freien Szene Münsters und die Vernetzung mit weiteren Häusern wie dem Hamburger Kampnagel, dem Pact Zollverein in Essen. 
Über 200 Aufführungen gibt es jährlich im TiP zu sehen. Nationale und internationale Premieren, Gastspiele und Koproduktionen und vielfach preisgekrönt. Heute gehört das TiP zu den besten Adressen für junge und experimentelle Kunst. Genreübergreifend und jenseits des Mainstreams, spielfreudig, anregend und auch riskant, so soll freies Theater sein. Heute ist das Pumpenhaus eines von drei freien Theatern in NRW, denen die Spitzenförderung des Landes zuteil wird. Es ist ein Haus mit bemerkenswert jungen Altersschnitt der Besucher, der bei den durchschnittlich 15.000 Besuchern im Jahr bei rekordverdächtigen 30 Jahren liegt. Das im klassischen Sprechtheater geronnene und sich seiner selbst zu oft zu sichere Bildungsbürgerliche schwappt im TiP folglich nur verdünnt. Schnieders Truppe kann gar nicht genug experimentieren, andere Intendanten kommen ins Träumen. 
Gleichwohl wünscht sich die Pumpenhausmannschaft eine Erhöhung des städtischen Etats. „Um freie Techniker angemessen zu bezahlen“, weist auf ein generelles Problem der Sparte hin: Feste Arbeitszeiten sind selten dienlich, freie Mitarbeiter das Übliche, ohne den Blick zur Stechuhr, hart an der Selbstausbeutung und doch mit dem verständlichen Anspruch einer auskömmlichen Bezahlung. Mit knurrendem Magen spielt sich schlecht Theater. _Wie auch immer, sind nun erfolgreiche 25 Jahre angemessen zu begehen. Freuen dürfen sich deshalb die theaterbegeisterten und -verwöhnten Münsteraner auf STATEMENTS, das größte Theaterfestival aller Zeiten in der Stadt. Von April bis Juni gibt es an 58 Tagen 50 Produktionen in 70 Aufführungen zu sehen. 
“Es ist eine Leistungsschau, was Theater kann”, bewertet Schnieder diese Wochen ambitioniert und “die Gästeliste reicht von Abidjan über Berlin und New York bis nach Seoul und Tokio. Das Festival im Pumpenhaus ist auch ein Fest mit Freunden.” Ludger Schnieder nennt das Programm ein Brennglas des 25-jährigen Erfolges. Die einzelnen Stücke sind persönliche Sichtweisen auf eine globalisierte Welt, sie sollen inspirieren und neue Akzente setzen und natürlich über Grenzen gehen. Was aber gibt es im Einzelnen zu sehen? _Los geht es jedenfalls am frühen Morgen des 17. April mit dem Birdwatcher Breakfast mitten in den Rieselfeldern. Enden tut es am 13. Juni mit einem Rundgang zum Leben des Kunsthistorikers Max Geisberg (1875-1943). Dazwischen Schauspiel, Performances, Konzerte, Tanz, Lesungen, Hip Hop. Am 30. April steigt das Konzert der ungarischen Avantgardeband Pop Ivan im Pumpenhaus. Am 2. Mai gibt es eine Hommage an Paul Wulf, dessen in Beton gegossene Biografie bis heute für gesunde Aufregung in Münsters Kulturpolitik sorgt. Am 11. Mai starten mehrere Aufführungen von “Look At Me” des Jugendtheaters CACTUS, am 21. Mai konzertieren Samir Akika und die Hip Hop- Academy Hamburg. Nicht zu vergessen die Wiederaufführung des Titanick-Klassikers Titanic am 5. Juni am Aasee, dieses nach 20 Jahren. Es ist ein wahrer Rosenkranz aus ästhetischen Bekenntnissen, oftmals zugleich Uraufführung, Europa oder Deutschlandpremiere. Unmöglich, hier zu sehr ins Detail zu gehen. 
Wer Näheres wissen möchte, dem bleibt nur der Griff zum voluminösen Programmheft. Oder der Blick ins Internet – es lohnt sich garantiert. 
Das dezentrale Verständnis des Pumpenhaus- Teams prägt auch die Spielorte von STATEMENTS. Neben Aufführungen an der Gartenstraße sind die Rieselfelder Schauplatz und der Große Sitzungssaal des Landgerichts, die Ausstellungshalle für Zeitgenössische Kunst im Hafen, Jörgs CD-Forum am Alten Steinweg, das Landesmuseum, ein Tourneebus und selbst die Wohnzimmer mehr oder minder prominenter Münsteraner. Nur die nahe Justizvollzugsanstalt an der Gartenstraße gab nach den jüngsten sicherheitstechnischen Kalamitäten einen Korb. 
Mit dem Ludger Schnieder gut leben kann: “Also gönnen Sie sich das Risiko: Gehen Sie ins Theater”, denn gutes Theater sei wie eine ungeahnte Geschmacksexplosion: Sterneküche vs. Junk Food Empire. 
Stimmt ebenso wie: “STATEMENTS ist Ihr Fest. Unser Fest. Wir laden herzlich!” Danke! d