24.04.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Die Beute ist der Jäger

Pressespiegel

 

24.04.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung
Die Beute ist der Jäger

Tanz: Lisbeth Gruwez´Choreografie „Birth of Prey“

Nebelschwaden empfangen den Zuschauer, wenn er das Pumpenhaus betritt. Links auf der Bühne kann er Dave Schroyen hinter einem riesigen Schlagzeug ausmachen, rechts hat sich Maarten Van Cauwenbergerghe mit seiner E-Gitarre postiert.
In der Mitte schält sich allmählich ein zuckendes, hautfarbenes Etwas aus dem nebeligen Grau. Es ist der Rücken von Lisbeth Gruwez, der einzige Körperteil, den die ansonsten ganz in Schwarz gekleidete Tänzerin dem Publikum darbietet, schutzlos. Dann setzt das Schlagzeug ein, es ist mehr eine Detonation als ein Ton, und die Gitarre hält sich mit Übersteuerungen auch nicht zurück. 
„Birth of Prey“ nennt die belgische Gruppe Voetvolk ihr faszinierendes und zuweilen unheimlich anmutendes Tanzstück, das beim „Statements“-Festival Deutschlandpremiere feierte. Und es nicht nur das Beutetier, das hier geboren wird, sondern zugleich auch der Jäger, wenn die gerade noch vor der Gewalt der Musik flüchtende Tänzerin plötzlich die Gangart wechselt und sich in einen fauchenden Tiger oder eine lauernde Spinne verwandelt.
Freilich wird hier nicht einfach Brehms Tierleben verhandelt. Dazu sind die Anspielungen zu subtil und das Verhältnis von Jäger und Beute zu komplex. Instinkt reicht da als Erklärungsmuster nicht mehr aus. Vielmehr handelt es sich um ein Wechselspiel aus Begierde und Berechnung, wie man es eher im Zusammenleben von Menschen findet. Musik und Tanz setzen eine gewaltige, archaisch wirkende Kraft frei, die gleichzeitig durch große Exaktheit besticht.
Mitunter erinnert „Birth of Prey“ an ein Voodoo-Ritual, das sich in der Mitte des Stücks in einer wüsten Punk-Nummer entlädt, bei der die Tänzerin den Part der Sängerin übernimmt. Kurz vor Schluss aber, wie um zu beweisen, dass sie auch anders kann, tanzt sie noch einmal richtig schön. Doch auch diese zeitweilige Harmonie im Dschungel der Gefühle erweist sich als Täuschung, wenn Gruwez erneut zum Mikrofon greift und das von Marilyn Monroe einst so hingebungsvoll gepiepste „I Wanna Be Loved By You“ mit heftigen Bewegungen förmlich exekutiert.