23.04.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten Täter – Opfer – Tänzerin

Pressespiegel

 

23.04.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten
Täter – Opfer – Tänzerin

Lisbeth Gruwez feierte Deutschlandpremiere im Pumpenhaus mit Geburt einer Beute

Münster – Schlagstöcke trommeln wie Peitschenhiebe, die E-Gitarre dröhnt. Im Zentrum des verrauchten Bühnenraums zeichnet sich ein nackter Rücken ab; von ganz hinten schlängelt er sich vorwärts, zieht Wellen. Nacktes, muskulöses Fleisch atmet, Schulterknochen wachsen – selten sieht man einen Körper derart in Einzelteile zerlegt.

„Birth of Prey“ (Geburt einer Beute) ist der Titel von Lisbeth Gruwez´s Performance, die im Rahmen von „Statements“ im Pumpenhaus zur Deutschen Erstaufführung kam. Ihre Company „Voetvolk“ aus Antwerpen besteht erst seit 2006. Zuvor war die Tänzerin und Choreografin herausragende Darstellerin bei Multitalent Jan Fabre und arbeitete gemeinsam mit renommierten Choreografen, wie Wim Vandekeybus oder Jan Lauwers von der „Needcompany“.

Performance über alle Genregrenzen hinweg, Tanz, der bis an die Schmerzgrenze geht. Lisbeth Gruwez hat sich diesen künstlerisch-radikalen Ansatz erhalten, zwingt sich selbst in die Knie. Das Gesicht zu Boden, sieht man auf weiten Strecken nur Haare und Torso. Arme und Beine im schwarzen Anzug werden von der düsteren Bühne geradezu verschluckt. Später verwandelt sich die Performerin vom schwer atmenden, zitternden Geschöpf zur Raubkatze. Mit phantastisch-weichen Bewegungen, tänzelnd wie ein Tiger, durchmisst Lisbeth Gruwez die Bühne, bevor sie schließlich zur aggressiven Musik Maarten Van Cauwenberghes der Spezies Mensch näher kommt.

Animalisch und triebgesteuert schreit sie ihr Begehren heraus: „I wanna be fucked by you“ – und endet blutend am Strick. Dabei wäre sie wohl viel lieber eine Marilyn Monroe, kokett und süß. Wenn sie am Ende mühsam „I wanna be loved by you“ zitiert, halbtot und am Ende der Kräfte, ist sie das Elend in Person.

Lisbeth Gruwez´s Solo ist harte Kost, der man sich kaum entziehen kann. So quälend schmerzhaft sich die Tänzerin inszeniert, so faszinierend sind ihre Wandlungsfähigkeit, die perfekte Körperbeherrschung und Bühnenpräsenz. In ihrer kraftvoll-morbiden Selbstinszenierung konfrontiert sie das Publikum radikal mit allzu menschlichen Ängsten, Triebhaftigkeit, Sehnsucht. Dabei gelingt ihr letztlich das Kunststück, Opfer wie Täter gleichermaßen zu verkörpern – Tanzperformance, die man nicht so leicht vergisst.