19.04.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Statements im Pumpenhaus – Der Tanz unterm Rasensprenger

Pressespiegel

 

19.04.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung
Statements im Pumpenhaus – Der Tanz unterm Rasensprenger

MÜNSTER Die Enttäuschung war groß: Nicht wenige waren Freitagabend extra ins Pumpenhaus gekommen, um Schauspieler Devid Striesow zu sehen – und dann war er nicht da. Krank. Es blieb die einzige Enttäuschung an diesem Eröffnungsabend zum 25. Geburtstag des Theaters.

Einspringer Willi Kellers streichelte das Gemüt mit einem total abgedrehten Schlagzeug-Konzert. Ein Harlekin der Trommeln auf Socken. Kellers wischte, schrammelte, strich, wedelte und kratzte mit allen Seiten und Enden von Besen und Drumsticks, mit Fingern, ja sogar mit seiner Mütze. Er trommelte auf Becken, Gong, dem Fußboden und auf seinem Körper, auf einer Art Daumenklavier sowie in, an und auf einer Plastikbox. Selbst das Schlagzeug schien sich über die kuriose Behandlung zu amüsieren: Kellers schrabbte mit einem Stick am Rand einer Trommel herum – und es ertönte ein heiseres, verschmitztes Lachen. Eine unvergessliche halbe Stunde.

Miniaturen von Brigitte Kronauer

Es war gleichzeitig die Auflösung der enormen Spannung, die Schauspielerin Ursina Lardi zuvor mit ihrem Solo über die seltsame Rita erzeugt hatte. Die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein vom Theater T1 muteten dem Publikum mit Brigitte Kronauers Prosa-Miniaturen aus dem Band „Die Kleider der Frauen“ viel zu. Die Texte drücken sich vor einer stringenten Dramaturgie, klammern sich an Details, fließen scheinbar belanglos dahin und geben sich spröde, bis sie scharf aufblitzen und plötzlich ganz weich werden.

Ursina Lardi isst ein Schnitzel
Ursina Lardis Spiel packte von der ersten Sekunde an, als sie ein aufgespießtes Schnitzelstück hoch hielt und sprach: „Ein Schwein ist verunglückt.“ Sie lebte Ritas Erinnerungen an eine Kindheit, die ein gruseliges Gefühl hinterließ. Sie zeigte Rita als junge Frau mit unvergleichlicher Energie. Hass, Enttäuschung, Brutalität, Einsamkeit, Liebesglut. Lardis ganzer Körper sprach Kronauer.

Der Tod zeigt sein Gesicht

Lensing und Hein ließen Lardi zunächst noch die Freiheit des Raumes dafür, ließen sie Fahrrad fahren, hoffnungsvoll tanzen unter dem Wasserbogen eines Rasensprengers. Dann die Zäsur. Mehrere Männer mit Schrubber und Sauger trockneten den nassen Bühnenboden in einer fast meditativen Prozedur, Lardi saß derweil am Klavier und spielte. Theater und Leben, Realität und Fiktion vermengten sich hier unnachahmlich. Dieser scheinbar banale Moment war aber auch der letzte unbeschwerte Akt vor der Versteinerung. Danach rezitierte Lardi, ganz in Schwarz gehüllt, den Text „Krähen“. Rita als alte Frau, so einsam, dass „die Möbel anschwellen“. Eine halbe Stunde lang sitzt sie auf einem Stuhl. Es war, als habe der Tod sein Gesicht gezeigt. Ein großer Abend mit einer großen Schauspielerin.