19.03.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Das größte Tanz- und Theaterfestival der Stadt

Pressespiegel

 

19.03.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten
Das größte Tanz- und Theaterfestival der Stadt

Münster – „Handwerker werden nun zu Schauspielern“ – so lautete am 1. Mai 1985 die Schlagzeile auf der ersten Lokalseite der Westfälischen Nachrichten. Das Schauspieler-Kollektiv Theater-Initiative-Münster (TIM) hatte das überflüssig gewordene Pumpwerk für die Fäkalien der Stadt zu einer Kulturstätte umgebaut. Tollkühn und theaterbesessen nahm das 15-köpfige Ensemble die Herausforderung an. Münster (CDU) spielte mit, Düsseldorf (SPD) zahlte den Umbau, und so begann in Stadt und Land eine neue Theaterepoche. Das Konzept der legendären TIM ging nach 15 Jahren kaputt: „Getriebeschaden“, diagnostiziert Ludger Schnieder. Er ist seitdem Geschäftsführer des Hauses. Schnieder blieb sich und dem Haus zum Jubiläum treu und hat „das größte Tanz- und Theaterfestival der Stadt Münster“ auf die Beine gestellt – mutig und besessen.

Karten: Telefon 0251 / 23 34 43.

50 Produktionen mit 70 Aufführungen an 58 Tagen hat sein Miniteam organisiert. Das Festival „Statements“ findet vom 17. April bis 13. Juni statt und „ist gut eine halbe Million Euro wert“, schätzt Schnieder. 30 000 Euro kommen von der Stadt, 60 000 Euro hat die Staatskanzlei spendiert, jeweils 70 000 kommen von Sparkasse und Provinzial. Die Kooperationspartner reichen vom AStA-Frauenreferat bis zum Zentrum für Niederlande, die Theaterorte von der Ausstellungshalle für Zeitgenössische Kunst über das Landesmuseum und die Städtischen Bühnen bis zum Zuhause einige Privatleute.
Gibt es bei über vier Dutzend Produktionen ein gemeinsames Thema? „Neoliberalismus und Körperlichkeit“, nennt Schnieder nach kurzem Zögern und verweist dann auf den Soziologen Richard Sennett, der den „neuen Kapitalismus“ und den „flexiblen Menschen“ analysiert hat. Indes – das Programm ist wesentlich breiter aufgestellt.
» Tradition: Mit dem Wiedertäuferstück „Herz der Freiheit“ von Dirk Spelsberg begann die Geschichte des Pumpenhauses. Mit „1534“ zeigt „Showcase Beat Le Mot“ aus Berlin seine Sicht auf die Täufer. Und „Titanick“ spielt nach 220 Aufführungen noch mal sein erstes Stück „Titanic“.

» Lokal: Mit einem „Birdwatcher-Breakfast“ zum Auftakt bedanken sich die Theaterleute bei den Rieselfeldern, ohne die es das Pumpenhaus nicht gäbe. Burkhard Spinnen wird zum Abschluss im Landesmuseum eine szenische Collage um Münsters Historiker Max Geisberg zeigen.

» International: Die Gruppen reisen von Tokyo bis Montreal aus an. Allein „Campo“ aus Gent bringt für Münster fünf sich fremde junge Künstler aus unterschiedlichen Nationen zusammen.

» Prominente: Gleich zum Auftakt sind Ursina Ladi (Goldene Palme von Cannes für „Das weiße Band“) und Devid Striesow (Oscar-Preisträger) mit Thorsten Lensing da.

» Provokation: Beim Tanz-Puristen Daniel Léveillé werden die Tänzerinnen und Tänzer ebenso nackt sein wie die Bühne. Und „One Heart Productions“ mit Andreas Robertz (früher Städtische Bühnen, heute New York) proklamiert mit harten Texten schwule Bekenntnisse: „Confessions of a gay sex addict“.

» Politisch: Jutta Ditfurth stellt ihre „Ermittlungen über Ulrike Meinhof“ vor, die in Münster studierte, um das Deutungskartell von Stefan Aust und Co. zu brechen.