16.03.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten – Tanz: Das Gegenteil vom Paradies

Pressespiegel

 

16.03.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten
Tanz: Das Gegenteil vom Paradies

Münster – Sie breitet die Arme aus, kippt den Oberkörper nach vorn, röhrt und stottert: „Ich bin die Frau mit der tiefen Stimme.“ Eine andere Tänzerin feilt sich, die Brille auf der Nase, im Rampenlicht die Fingernägel, eine dritte schwingt ihren Arm wie eine Keule. Ästhetisch ist dies alles nicht, und möchte es wohl auch gar nicht sein, schließlich ist der Titel dieses Tanztheaterstücks „malparadisity“. Das Gegenteil vom Paradiesischen, vom Idealzustand also bringt Hans Tuerlings mit seiner niederländischen Company „Raz“ auf die Bühne. Im Pumpenhaus kam die Tilburger Produktion zur deutschen Erstaufführung.

Wenn man die Hintergründe kennt – Tuerlings sind vor zwei Jahren sämtliche Fördergelder gestrichen worden, und das, obwohl er gleichzeitig eine Auszeichnung für sein Gesamtwerk erhielt – wird nachvollziehbar, wie er darauf kommt, Gegenentwürfe zum gesellschaftlich angestrebten Status quo zu bilden. Helma Melis sitzt am Bühnenrand und zitiert altbekannte Lebensweisheiten, wenn sie etwa dazu rät, das Heil nicht in Äußerlichkeiten zu suchen. 
Materielle Werte hätten wenig großen Nutzen, vielmehr gehe es im Leben um Gefühle – ein leiser Trost in Zeiten knapper Kassen. Dazu kreiert Tuerlings ins Übertriebene gesteigerte, menschliche Unzulänglichkeiten: Die Frau mit der tiefen Stimme ist sowohl was das Hören als auch das Sehen und Sprechen angeht, gehandicapt und wirkt mit ihren Gebärden geradezu animalisch. Als Gegenentwurf wird eine gesellschaftliche Utopie hart arbeitender, junger Menschen heraufbeschworen, vorbildliche Bürger – verdienstvoll, aber blutarm.
Der Reiz von „malparadisity“ soll, laut Programmzettel, gerade in Abweichungen von der Norm liegen. Doch ansprechend oder spannend wirkt Tuerlings Umsetzung nicht, weder was die hölzern anmutende Choreografie betrifft, noch was die darstellerische Leistung angeht. Sieht man davon ab, dass der niederländische Text ins Deutsche übersetzt werden muss, was den Gesamteindruck mitunter stört, ist Helma Melis als Erzählerin die einzige mit starker Bühnenpräsenz und überzeugendem tänzerischen Ausdruck. Die übrigen vier Darstellerinnen wirken dagegen blass und wenig ausgereift – selbst im Sinne des angestrebten „malparadisity“.