Nachruf auf Raimund Hoghe von Katja Schneider

18. Mai 2021
 

Ich bin Katja Schneider. Eigentlich sollte ich nun das erste von zwei Gesprächen mit Raimund Hoghe führen, mit Filmbeispielen seiner Arbeit, die er vorbereitet hatte – nachdem klar war, dass sein zum Festival DANCE eingeladenes Stück „Canzone per Ornella“ coronabedingt nicht zu sehen sein würde. Nun ist auch der Ersatz geplatzt, denn Raimund Hoghe war kurzfristig gesundheitlich nicht in der Lage, nach München zu reisen.

Stattdessen zeigen wir Raimund Hoghe als Filmemacher: Über die Jahre drehte Hoghe „Lebensträume“ (1994 für ZDF/3sat) sowie im Auftrag des WDR das einstündige Selbstportrait „Der Buckel“ (1997). 2016 entstand der Film, den sie gleich sehen können: „Die Jugend ist im Kopf“, ein Porträt der französischen Theaterleiterin Marie-Thérèse Allier, die seit 1983 die Ménagerie de Verre leitet, ein wichtiger Präsentations- und Produktionsort in Paris. Der 26-minütige Film stellt jedoch nicht nur Marie-Thérèse Allier vor, sondern er erzählt – wie seine Bühnenstücke auch – vom Tanz, von Körpern, von der Schönheit, vom Alter.

Geboren in Wuppertal, wurde Raimund Hoghe zunächst Journalist, schrieb für “Die Zeit”, publizierte Porträts von Außenseitern und außergewöhnlichen KünstlerInnen, die auch in Buchform erschienen. Von 1980 bis 89 war er Dramaturg für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, veröffentlichte auch dazu zwei vielbeachtete Bücher. Danach entwickelte er eigene Theaterarbeiten. 1992 begann seine Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte, der bis heute sein künstlerischer Mitarbeiter ist.

1994 realisierte er das erste Solo für sich, “Meinwärts”, dem “Chambre séparée” (1997) und “Another Dream” (2000) als Trilogie über das vergangene Jahrhundert und die deutsche Geschichte folgten. Seither sind über 20 Bühnenproduktionen entstanden. Seine Tänzerinnen und Tänzer begleiten Raimund Hoghe über Jahre. Er widmet ihnen Stücke. Songs for Takashi (2015), Musiques et Mots pour Emmanuel (2016), Canzone per Ornella (2018).

Raimund Hoghe hat zahlreiche Preise für sein Werk erhalten, darunter 2001 den “Deutschen Produzentenpreis für Choreografie”. 2006 erhielt er den “Prix de la critique Francaise” für “Swan Lake, 4 Acts” in der Kategorie “Beste ausländische Produktion”. 2008 wurde Raimund Hoghe in der Kritiker-Umfrage der Zeitschrift “ballet-tanz” zum “Tänzer des Jahres” gewählt. 2019 ernannte ihn der französische Kulturminister zum “Officier de l’ordre des Arts et des Lettres”. 2020 wurde ihm der Deutsche Tanzpreis verliehen – die höchste Auszeichnung, die der Tanz in Deutschland zu vergeben hat.

Der knapp 30-minütige Film „Die Jugend im Kopf“ gehört zur Gattung der Porträts, hier gestaltet mit filmischen Mitteln. Für seine Carte Blanche, die arte ihm gewährte, wählte er eine Wahlverwandte aus. Marie-Thérèse Allier entspricht ebenso wenig den Klischees von der Pensionistin wie er selbst denen des Tänzers. Sie machen ihr Ding. Kompromisslos gehen sie unbestechlich ihren eigenen Weg. Hoghe zeigt ihr, was ihm wichtig ist: eine Aufnahme von Kazue Ono. Hoghe, der von Pina Bausch lernte, vom Regisseur Peter Brook, und viel vom japanischen Theater, vom Butoh, schätzt Kazuo Ono, die Gruppe Sankai Juku und deren Leiter, Ushio Amagatsu. Er bringt Ono mit Allier zusammen, schafft so eine Begegnung über die Kontinente, die Zeit hinweg. Emmanuel Eggermont und Takashi Ueno, beide in vielen Stücken Hoghes präsent, tanzen in der Ménagerie de Verre. Zu Beginn des Films sieht man Hoghe als Solisten. Das ritualisierte Ausschreiten des Raums, die Wiederholungen von Bewegungen, die ruhigen Handlungen, Gesten, Verrichtungen, die seine Stücke prägen. Das ruhige, klare Miteinandertanzen, wenn er Allier an die Hand nimmt und beginnt, sich mit ihr langsam zu drehen. Wir anderen folgen.

Hoghe erzwingt genaues Hinsehen. Er beharrt auf dem Blick, er konfrontiert die Zusehenden mit den Zuschreibungen an einen Körper, er insistiert auf die Ästhetik eines nicht den “normalen” Proportionen entsprechenden Körpers. Indem er ihn als Landschaft bezeichnete, öffnete er ein neues Register, eines, das Form, Formen, in den Fokus rückt. Er zeigt auf diese Weise, dass für gesellschaftspolitische Differenzbildungen nicht die unterschiedlichen Körperbilder wesentlich sind, sondern die Darstellung unterschiedlicher Weisen der Wahrnehmung dieser Körper. Diese Darstellung von Wahrnehmung verbindet sich von vornherein mit ästhetischen und moralischen Werten und Normen, erotischen Konnotationen und Assoziationen. Hoghe verstößt gegen die Rollen, die ihm zugeschrieben werden.

Sein Körper mit einem Buckel bricht ein in das konfektionierte Setting, aus dem er sich nicht länger ausschließen lässt. Nach und nach inszeniert er auch andere Körper als seinen eigenen: junge, schöne, der Norm entsprechende, aber auch schöne, nicht mehr junge Körper. Allen gemeinsam ist, dass sie als vermögende Körper ins Spiel gebracht werden, nicht als defizitäre und ungenügende.

Er wird im Film gefragt, was er gut könne: Ich kann gut zuhören, sagt er. Den Menschen, der Musik. Hier hören wir mit Marie-Therese Allier „Le temps de Cérises“ zu, ein Liebeslied und auch ein politisches Lied. Zu dieser Kunst des Zuhörens gehört, dass man Songs in verschiedenen Variationen hört, mal von jüngeren, mal von älteren Stimmen gesungen. Oder dass dieselben Songs in verschiedenen Kontexten zu hören sind. Wie „Parlez-moi d’amour“, zu dem Hoghe und Allier tanzen. Dieses Chanson durchzieht Hoghes Werk, wird auch zitiert in seinem Buch „Preis der Liebe“, der Biographie seiner Mutter und der Erzählung seiner Jugend.

Zum Schluss möchte ich Raimund Hoghe selbst zu Wort kommen lassen: Er sagte:

Hoghe: „Wenn ich [dazu] Stellung beziehen will, muss ich das selbst tun – ich kann nicht einem Tänzer mein politisches Statement auf den Körper schreiben. Ich muss das mit meinem Körper machen. Dabei geht es nicht um meine persönliche Geschichte, meinen persönlichen Körper. Ich wollte einfach meinen Körper als Beispiel nehmen und sagen: „Diesen Körper gibt es auch. Es gibt andere Körper als die bekannten Tänzerkörper.‘“

Dieses Zitat bezog sich auf die vielen Toten, Freunde, Bekannte, Künstler, die an den Folgen von Aids gestorben sind. Dazu wollte er Stellung beziehen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Ereignisse überschlagen.

Als wir vorgestern besprachen, dass ich diese Einführung sprechen und wir den Film „Die Jugend im Kopf“ zeigen wollen, sagten wir: Sehr schade. Aber die Gespräche holen wir nach. Die Aufführung holen wir nach.

Beides ist leider nicht mehr möglich.

Raimund Hoghe ist in der vergangenen Nacht in seiner Düsseldorfer Wohnung verstorben.

Wir gedenken ihm nun in Trauer mit diesem Einblick in sein komplexes, so reiches Werk.

Adieu, Raimund!